Wer braucht schon Goethe, um zu verreisen

Natürlich niemand außer Der Zeit, die glaubt, es würde noch Leute geben, die auf die Frage, warum sie reisen, sich auf Goethe berufen, der bekanntermaßen sich den Luxus gönnte, ein Jahr in Italien zu verbringen. Wer den Geheimrat anführt bzw. kundtut, es sei völlig legitim, von sich zu behaupten, wie er unterwegs zu sein, steht auf verlorenem Posten. Nicht mal ein bisschen darf der Reisende von heute sich wie der Meister fühlen. Selbst das lassen die Autoren nicht gelten, denn lt. ihrer Meinung gehört zu dessen Erbe, dass aus einer Reise immer ein Gewinn für die Gesellschaft formuliert werden muss – eine Bedingung, die sogar dieser Blog locker erfüllt, ja er nimmt sogar für sich in Anspruch, witziger und humorvoller über das Land geschrieben zu haben als der große Dichter, dessen Aufzeichnungen über Italien doch recht langweilig sind, da er sich allergrößte Mühe gibt, seine Umgebung so detailliert wie möglich zu beschreiben, so dass man nach dessen Lektüre glaubt, bereits dort gewesen zu sein. Sein Reisebericht ist ein altmodischer Street View, da er statt Bilder Worte benutzt. Kein Wunder, dass er so lange am Faust gesessen hat. Ihm scheint es an Phantasie zu fehlen. Da fragt man sich, was Shakespeare noch alles geschrieben hätte, wenn ihm, so wie Goethe, vergönnt gewesen wäre, ins Land der Zitronen zu reisen. Natürlich wäre es auch gut möglich, dass Romeo und Julia dann weniger romantisch ausgefallen wäre. Oder wie Winnetou geworden wäre, wenn Karl May in den Indianergebieten der USA hätte recherchieren können. Vermutlich hätten wir dann auf jedwedes Pathos verzichten müssen. Winnetou als stinknormaler Western Made in Hollywood. Warum versuchen die Autoren ausgerechnet jetzt, wo jeder Urlauber in Italien oder Spanien gebraucht wird, uns das Reisen zu vermiesen? Vom Reisen, das schlimmer als Rauchen sei, ist da die Rede. Wollen sie, dass wir im Lande bleiben oder ist das ein Bekenntnis, dass nur elitäre Leute auf Reisen gehen sollten? Ich tippe auf Letzteres. Wir dürfen dann deren Artikel lesen und Filme schauen. Wenigstens könnten wir dann noch zwischen den Autoren wählen. Das ist immerhin besser als zu Goethes Lebzeiten.

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