„Widows“ – eine Lehrerin kann auch anders

Lehrerin und Einbrecher – geht das? In „Widows“ klappt das ganz hervorragend, wobei die Frau des Räubers, der mit diesem Gewerbe seinen Lebensunterhalt betreibt, nicht selbst unterrichtet, sondern einer Lehrergewerkschaft Chikagos vorsteht, was die Staaten sehr sympathisch macht, denn hier wäre eine Ehe zwischen der Kreisvorsitzenden der GEW und eines Täters, der in der Art, wie der der NSU es zu tun pflegte, Banken überfällt, unmöglich. Es muss an meinen Lehrern liegen, dass ich mir das nicht vorstellen kann. (Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob das für oder gegen sie spricht. Nicht einmal ein Zusammenleben mit Kleinkriminellen würde ich ihnen zutrauen.) Aber wozu gibt es Amerika? Das Land, das der Liebe Gott geschaffen hat, um uns mit Storys, wie „Widows“ sie zu bieten hat, zu unterhalten. In Europa würde jedenfalls niemand auf solch eine bizarre Geschichte kommen. (Dass Regisseur McQueen ein Engländer mit einem Faible für Außergewöhnliches ist spricht nur für diese These.) In „Widows“ geht es um drei Frauen, die nach dem Tod ihrer Männer (Arbeitsunfälle, wie sie für diese Branche üblich sind), die Karrieren ihrer Verflossenen nicht ganz freiwillig fortsetzen. Sozusagen als Berufsneulinge, die überhaupt keine Ahnung haben, was sie erwarten könnte, geschweige denn sich vorstellen können, mit welch harten Bandagen in diesen Kreisen gekämpft wird, denn schließlich sind sie ja nicht die einzigen Ganoven in Chikago. (Die Zeiten, in denen still und heimlich ein Bank ausrauben konnte, scheinen vorbei zu sein. Heute muss es einen richtigen Wettbewerb um die Beute geben.) Es hilft ihnen, das Glück der Tüchtigen ihrer Seite zu haben. Obwohl dieses es manchmal zu gut mit ihnen meint, wirkte dies in den Szenen dank hervorragender Schauspieler nie gestelzt oder an den Haaren herbeigezogen. Es ist, wie es ist, dank eben der Akteure. Viola Davis spielt die Lehrerin, die, wie kann es auch anders sein, die Dinge vorantreibt. Dass sie die einzige ist, die noch an ihren Mann denkt bzw. diesen vermisst, hat wohl nicht nur dramaturgische Gründe – ihre Ehre war nahezu vorbildlich. Sie ist der Kopf der „Widows“. Und natürlich ist sie Oscar verdächtig.

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Mit AKK wird es wenig bunter (wenigstens)

Gratulation an AKK, deren Partei sie nicht nur zur Vorsitzenden wählte, sondern ihr auch noch einen Asteroiden schenkte, der in den nächsten Wochen dem Konrad-Adenauer-Haus regelmäßig ziemlich nahe kommen muss, um überhaupt noch eine Chance zu haben, Spitzenkandidat zu werden. Daher hätte AKK ankündigen sollen, auch bei einem sehr knappen Sieg nur noch ehrenamtlich für die CDU arbeiten zu wollen. Bei über 10 Prozent plus nehme sie das Amt an. Liegt der Vorsprung unter dieser Marke, werde sie sofort nur noch Freiwilligendienste für ihre Partei leisten. Noch ist Polen nicht verloren – vielleicht verschwindet der Asteroid Merz so schnell im pechschwarzen All wie er aus diesem gekommen ist. Aber wer macht sich schon unsichtbar, wenn er ein Ergebnis erreicht hat, das AKK zwingt, ihn vor oder nach den Wahlen darum zu bitten, ein wichtiges Amt, sprich das Finanzministerium, zu übernehmen? Mit dem Spatz bereits in der Hand kann er nun versuchen, AKK die Kanzlerschaft zu entreißen. Da ihm die Gefolgschaft Spahns weiter die Treue halten wird, stehen seine Chance nicht schlecht, die Saarländerin im Rennen um die Gunst der Mitglieder auszubooten, sollte es wieder einen Kandidatenwettbewerb geben. Die Frage ist nur, ob es dazu überhaupt kommt, denn nun ist etwas eingetreten, was Merkel in ihren Planspielen bzgl. ihrer Nachfolge gar nicht durchexerziert hat – nicht der CDU-Vorsitzende Merz zwingt sie vorzeitig aus dem Amt, sondern der parteieigene Asteroid Merz. Für Mutti muss es ziemlich bitter sein, ausgerechnet am Ende ihrer Kanzlerschaft ihr letztes großes Mutti-Versprechen, bis zum Ende ihrer Amtszeit durchregieren zu wollen, nicht einhalten zu können. Eigentlich heißt es ja, „a promise is a promise“. Aber das gilt nur für Kinder, wie man der Reklame entnehmen kann. Da wir Erwachsenen öfter Versprechen nicht einhalten (nur um besser in ein neues Jahr zu kommen, haben die Erwachsenen es ich zur Gewohnheit gemacht, sich etwas zu versprechen, von dem sie nach vier Tagen nichts mehr wissen wollen), sollten wir Mutti nicht übelnehmen, wenn sie sich vorzeitig zurückziehen sollte. Ändern wird sich dank Merz‘ Coup eh nicht viel – getreu dem Motto, der König ist tot, es lebe der neue König, kann der bisherige fiskalische Metternich Schäuble unbesorgt in Rente gehen. Der neue Metternich Merz ist genauso gut wie der alte. (Vermutlich war es auch das Ziel von Merz, Schäubles Erbe eindrucksvoll zu übernehmen.) Zu früh gefreut, Europa. An Deutschlands Austeritätspolitik wird sich erst einmal nichts ändern. Höchste Zeit, auf die guten Seiten AKKs zu verweisen (bevor noch den einen oder anderen die Weiter-so-Depression übermannt) – mit ihr an der Spitze wird es nicht nur bunter, sondern auch abwechslungsreicher. Das hängt natürlich mit ihrer Herkunft zusammen – wer in der Nähe Frankreichs aufwächst kann gar nicht anders, als zu glauben, über einen ausgezeichneten Mode-Geschmack zu verfügen. Ich hoffe, sie bleibt sich in dieser Hinsicht treu. Sollte AKK sich ihre Beratungsresistenz erhalten können, könnte es mit ihr eine schöne Zeit werden.

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Corbyn – warum macht er es sich so schwer?

Vertut Corbyn die letzte Chance, den Brexit zu verhindern? Oder hat er einen Plan, den außer ihn zwar niemand kennt, jedoch an dessen Ende, wenn in Britannien praktisch nur noch die Queen im Amt sein sollte, ein „People‘s Vote“ steht? Bis dahin will es Corbyn, wie gerade aus der Debatte im Unterhaus entnommen werden konnte, aber nicht kommen lassen – die erste Abstimmung, die mit magischen Qualitäten – die Wirkung des „Heiligen Grals“ ist gar nichts dagegen – aufwarten kann (jedenfalls für die Freunde der EU), sieht Jeremy äußerst skeptisch. In seinen Antworten auf die Fragen seiner Kollegen sprach er sich nicht ein einziges Mal für eine Volksabstimmung aus. Selbst als er gefragt wurde, wie er dazu stehe, schafft er es, das Wort nicht zu erwähnen. Was auf den ersten Blick demokratiefeindlich und realitätsfremd erscheint (bei mehr als einer Millionen Unterschriften für eine Abstimmung ist diese Einschätzung schon angebracht), ist in Wirklichkeit Demokratie pur, so wie sie in einem Lehrbuch beschrieben wird. Das einzige Problem ist nur, dass die Dinge meistens nicht so verlaufen, wie sie in der Theorie sein sollten. Umso größer die Freude, wenn Corbyn es dennoch gelingen würde, das Gegenteil zu beweisen. Umso größer aber auch der Ärger, sollte Labour am Ende mit leeren Händen dastehen, oder gar noch den Schlamassel, den May angerichtet hat, verantworten muss. Was hilft es Corbyn, dem demokratische Procedere zu entsprechen, wenn er von der EU fordert, mit ihm einen neuen Vertrag auszuhandeln? Der Mann, der den Wählern verspricht, die EU würde mit ihm nachverhandeln, riskiert damit, noch dümmer als May dazustehen, sollte Brüssel auf dessen Forderungen nicht eingehen. Um Schlimmeres zu verhindern bliebe ihm dann gar nichts anderes übrig, als für die Abstimmung zu werben. Während jetzt noch die Leute wissen, über was sie abzustimmen (nämlich über Mays Vertrag), müsste Labour sie dann an die Urnen bitten, um einen harten Brexit, an dem sie nicht ganz schuldlos wären, zu verhindern. Warum brockt sich die Partei etwas ein, was sie nicht zu verantworten hat? Zumal Brüssel bisher nicht signalisiert hat, mit Corbyn die Verhandlungen aufnehmen zu wollen. Ist es Eitelkeit, die ihn treibt? Gibt Corbyn den Don Quichotte? Noch ist alles Spekulation. Sollte es dennoch so kommen, wie ich es beschrieben habe, wäre damit der Beweis erbracht, dass selbst halsstarrige Politiker nicht in der Lage sind, ein Land zugrunde zu richten.

PS: Bei den Briten weiß man nie – die bringen es fertig, noch einen dritten Sonderling hochkommen zu lassen.

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G20 – da war doch was in Wien?

Sind die G20-1 noch bei guter Stimmung oder ist „Mutti“ schon da? Als sich hörte, Merkel fliege mit einer Linienmaschine nach Buenos Aires, hatte ich noch geglaubt, Trump und Putin würden, bewaffnet mit einen braunen Amazon-Karton, auf dem mit roten Großbuchstaben unübersehbar „MUTTI“ steht, auf sie am Ausgang der Abfertigung warten. Das war dann doch ein wenig zu blauäugig, wie die Bilder, die gestern im Netz veröffentlicht wurden, zeigen. Die G20-1 verstehen sich ohne Merkel, der immenses Verhandlungsgeschick nachgesagt wird, prächtig. Die Stimmung ist so gut, dass sie fürchten muss, als Stimmungskillerin in die Geschichte dieses G20-Treffens einzugehen, was sich aber nicht unbedingt rufschädigend auswirken muss, denn schließlich nimmt am Gipfel ein Mann teil, dem es vor einem ordentlichen Gericht höchst schwerfallen dürfte, zu beweisen, nicht für Mord Khashoggis verantwortlich zu sein. Wer Distanz zu ihm wahrt, kann sich sicher sein, wohlwollend in den Annalen erwähnt zu werden. Insofern ist es gar nicht so verkehrt, zu vermuten, ein höheres Wesen müsse Merkels pünktliches Eintreffen bei den G20 verhindert haben. Dass ausgerechnet Putin sich dazu verleiten lässt, den Prinzen wie einen Kumpel zu begrüßen, der ihn beim Eishockey immer mit Vorlagen füttert, so dass er es schafft, in den Prominentenmatchs den Puck mindestens fünf mal einzulochen, wird hoffentlich nicht sein Geheimnis bleiben – da russische Soldaten vor allem wegen des Kronprinzen in Syrien sind (einige haben dort ihr Leben gelassen), haben die Russen das Recht, zu erfahren, was in ihn gefahren ist. (Das gilt auch für die Iraner, ohne deren Bodentruppen Assad sich nicht an der Macht hätten halten können.) In Sowjetzeiten hätte sich Putin nach solch einem Verhalten Sorgen um seinen Job machen müssen. Jedoch ist RT schon dabei, den Fauxpas mit der Behauptung, einen möglichen Handschlag zwischen Trump und dem Saudi habe man nicht sehen können, zu relativieren. Ein G20 Treffen als Etiketten-Gipfel, dessen Kodex, der besagt, so zu tun, als ob nichts wäre, dank des Guardians, der herausgehört hat, wie Macron den Prinzen zur Rechenschaft zieht, ein paar Kratzer abgekommen hat. Und da die G20 nicht die geringste Lust verspüren, Probleme anzugehen, ja gar erst welche erschaffen, um sie dann auf dem Gipfel öffentlichkeitswirksam beilegen zu können, was Trump erlaubt, publikumswirksam das überarbeitete Nafta-Abkommen zu unterschreiben, dann sollte schon jemand anders als „Mutti“ landen, um Bewegung in die G20-Verhandlungen zu bringen. Es müsste schon jemand (irgendwo in der Welt) auftauchen, der die Politiker zur Flucht animiert, so wie es Napoleon geschafft hat – als die Meldung über dessen Flucht von Elba den Wiener Kongress erreichte, verließen die Teilnehmer in panischer Angst völlig überstürzt die Stadt ist. Da die Probleme der Welt die Politiker nicht zu tangieren scheinen, bedarf es eines Bösewichtes, der die G20 zwingt, bspw. offensiv dem Klimawandel zu begegnen.

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Der KGB wird es schon richten

+7 (495) 224-22-22 8 (800) 224-22-22 – da werden Sie geholfen, was in meinem Fall bedeutet, dass der KGB, der jetzt FSB heißt, aber für mich immer der KGB bleiben wird (ich habe sogar eine KGB-Armbanduhr, von der ich nicht recht weiß, ob sie echt ist, da sie höchstens ein halbes Jahr funktioniert hat), mir zugesichert hat, deren „Denunziantentelefon“ anwählen zu dürfen, wenn ich in Halle von etwas Wind bekomme, das die Sicherheit Russland gefährden könnte. Nun warte ich darauf, dass bald deutsche Kriegsschiffe, die die Ukraine so dringend braucht, um ins Asowsche Meer durchbrechen zu können, in See stechen. Die Leute vom KGB haben mir gesagt, wenn ich meine Meldung rechtzeitig absetze, könnte die deutsche Flotte noch vor Gibraltar mit einem nuklearen Raketenangriff außer Gefecht gesetzt werden. Das spornt mich natürlich zur Wachsamkeit an. Zum Glück werde ich keine Chance haben, als zweiter Richard Sorge in die Geschichte einzugehen – „Abenteuer“, wie sie im 2. Weltkrieg gang und gäbe waren, sind nur noch in der Ukraine möglich. 23 Mann, die mit dem Wissen in See stechen, vom KGB festgesetzt zu werden, muss man erst einmal finden. Im Land Poroschenkos scheint das kein Problem zu sein. Die Sache ist aber nicht ganz hoffnungslos – der im Augenblick auf dem zweiten Platz liegende Präsidentschaftskandidat, der im Hauptberuf den jetzigen Präsident imitiert, fordert, vom Kriegsrecht zu lassen und sich stattdessen darauf zu konzentrieren, „die Jungs“ nach Hause zu bringen („ein 99iger“ sei auch dabei). (Die leichten Zweifel, die da herauszuhören sind, werden das nächste Kommando-Unternehmen sicherlich nicht verhindern. Niemand weiß, ob dann das Glück allen Beteiligten wieder hold sein wird. Die Löcher, die ein ukrainisches Kanonenboot aufzuweisen hat, zeigen, dass das Scharmützel weitaus schlimmer hätte enden können.) Diesen Gefallen werden die Russen, die noch daran glauben, dass man mit harten Strafen Nachahmer abschrecken kann, ihm nicht tun. (Pech für die Rekruten, aber wenigstens hat der Erfinder der „Wolfsrudel-Taktik“, der glaubt, mit vielen kleinen Booten, die von alle Seiten angreifen, ein Kriegsschiff vernichten zu können, vor Ort feststellen müssen, dass seine Taktik in der Praxis nichts taugt.) Auch wenn es der Westen nicht wahrhaben will – seit der Eroberung der Krim haben die Russen nur noch wenig Interesse, in der Ukraine mitzumischen. (Die Zeiten, in denen russlandfreundliche Präsidentschaftskandidaten an die Macht kamen, sind wohl vorbei.) Putin und seinem KGB fürchten dank der Krim nun nicht mehr die NATO an der Grenze zu haben, sondern ein James-Bond-Szenario – eine spektakuläre Aktion (möglichst viele Tote), die Leute vom Kaliber Strelkows veranlassen könnte, wieder in die Ukraine zu ziehen. Oder gar seine Landsleute von ihm verlangen, Vergeltungsschläge anzuordnen. Wer die orthodoxe Kirch hofiert, das Kosakentum fördert sowie die Zarenzeit zur Blütezeit Russlands verklärt (jetzt soll sogar der Flughafen Murmansks den Namen des letzten Zaren tragen dürfen), der braucht sich nicht zu wundern, wenn wieder Freiwillige in die Ukraine ziehen sollten, um dort die Neu-Russen vor den „Petljura-Leuten“ zu schützen.

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„Cold War“ im Kino und auf der Insel

„Cold War“, das ist die Liebesgeschichte dieses Jahrzehnts, auch wenn die Kartenverkäufer nach der letzten Vorstellung die Namen derer, die den Film gesehen haben, mühelos aufsagen könnten, wenn diese beim Kauf der Tickets ihre Ausweise vorlegen müssten. Lady Gaga muss sich damit trösten, dass wir nicht mit den Tragödien und den Leiden, die früher selbstverständlich waren, aufwarten können. „Cold War“ kann da, von den Zuschauern, der Länge des Films und den Namen der Schauspieler mal abgesehen, mit den großen Filmen, die in diesem Metier Geschichte geschrieben haben, also „Titanic“ und „Dr. Schiwago“, schon eher mithalten (ich muss anführen, dass ich den Untergang des Schiffes nicht verfolgt habe, so dass ich nur vermuten kann, dass dem so ist). Während in den beiden Topfilmen der Zufall und die Umstände den Protagonisten arg zusetzen, sind in Pawlikowskis Film die beiden Leute für des Ergebnis ihres Tuns größtenteils selbst verantwortlich, was „Cold War“ natürlich zu einer etwas schwer verdaulichen Kost macht – da Schicksalsschläge fehlen, fällt den beiden Verliebten nicht automatisch die Sympathie des Zuschauers zu. (Das muss reichen – je weniger man von der Handlung weiß, desto besser. Ein Muss für jeden. Vom Gucken ist nur befreit, wer keine polnische Volksmusik mag.)

„Cold War“ bieten auch die Briten. Und es sieht nicht so aus, als ob sie ihren Krieg schnell beenden werden. Da May auch im Falle einer Niederlage im Unterhaus, wofür fast alles spricht, im Amt bleiben will, ist nun die große Frage, ob sie dann bereit ist, Artikel 50 zurückzuziehen bzw. eine Volksabstimmung zu erlauben. Vermutlich muss Labour versuchen, selbst in die Downing Street zu kommen, was nicht einfach wird. Ob dann noch Zeit bleibt, eine Abstimmung zu organisieren, ist höchst zweifelhaft. May, so scheint es, will aus dem Amt geprügelt werden. Am Ende wird wohl noch die Queen über den Verbleib entscheiden müssen. Zudem führt sie auch die EU, die mit ihr am Wochenende den Austritt perfekt machen will, vor. Die Regierungschefs der Mitgliedsstaaten schließen mit ihr einen Vertrag, von dem sie wissen, dass sie ihn nicht durch das Parlament bekommt. Besonders klug ist das ist. Es sei denn, man will den Briten zu verstehen geben, dass sie in Brüssel unerwünscht sind. Alleine schon wegen der langen Gesichter, die die Regierungsvertreten machen werden, wenn Corbyn in der Runde Platz nimmt, muss der Ausstieg verhindert werden.

PS: „Cold War“ auch bei den Philosophen. Zizek gegen den Rest der Welt. Habe aber nur kurz hineinhören können.

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Detektiv gesucht (für Interpol)

Wenn ein Russe Interpol führen soll, ist es an der Zeit, dass uns ein Krimiautor mit einem Detektiv, der für diese Behörde arbeitet, beglückt, womit bestenfalls gleich mit einem Male zwei weiße Flecken der Kriminalliteratur verschwinden würden – endlich gibt es einen Detektiv, der bei Interpol ist und zudem noch, was im ersten Augenblick höchst weltfremd erscheint, jedoch angesichts der herrschenden Meinung, in Russland würden die Nachfolger des KGBs darüber entscheiden, wer bestraft wird, logischer gar nicht sein kann, aus Russland kommt. Jenen, die einigermaßen informiert sind, brauche ich nicht mitzuteilen, was wahrscheinlicher ist – natürlich ein russischer Detektiv, der im Film oder Kriminalroman für Interpol arbeitet. Wegen angeblich zu vieler unbegründeter Gesuche, Russen, die sich im Ausland aufhalten, festzunehmen (in aller erster Linie geht es um Browder, einen Hedgefondbetreiber, dem Steuerhinterziehung vorgeworfen), wird der russischer Kandidat mit der Begründung abgelehnt, er würde die Arbeit Interpols diskreditieren. Dass Chodorkowski im Guardian den Russen mit Heydrich, der während des Krieges Chef der Organisation war, auf eine Stufe stellt, geht dann aber doch entschieden zu weit, zumal wenn der ehemalige Chef, der in seinem Heimatland festgenommen wurde, aus einem Land kommt, dass ein ganzes Volk in Umerziehungslager – ein Relikt aus den Zeiten Maos – steckt. Da liegt es auf der Hand, dass die Chinesen, die mit Uiguren machen können, was sie wollen, auch einen Detektiv brauchen, der in ihrem Land mal richtig aufräumt (Es gibt berühmten chinesischen Aufklärer, der leider aber auf Hawaii geboren wurde.) Hätten die Deutschen nicht Schimanski, gehörten sie auch zu den Ländern, die keine Detektiv-Tradition aufzuweisen haben. So wie die Saudis, die ein ganz neues Kapitel in der Kriminalistik aufgeschlagen haben – erstmals ist der Auftraggeber eines Mordes und der Detektiv, der den Fall aufklären soll, ein und dieselbe Person. (Nichts spräche gegen diese Konstellation, wenn der Detektiv des zweigeteilten Ichs dieser Person zum Entschluss kommen würde, sich selbst zum Tode zu verurteilen. Das scheint aber nicht der Fall zu sein.) Das es Spaß machen muss, Detektiv zu sein, erfahre ich immer dann, wenn ich auf der Suche nach einem Thema für die Kolumne bin. Diese Woche bin ich durch meine Recherche zum Ergebnis gekommen, dass sich der Brexit (bzw. dessen Folgen) leichter als die Klimaerwärmung verhindern lässt – während vorige Woche im Barentsobserver zu lesen war, dass der Frühling im hohen Norden Einzug gehalten hat, ist heute zu erfahren, dass Lappland in diesem Winter ein neuen Charterflugrekord aufstellen wird (man rechnet mit 667 Flugzeugen). Bei einem so großen Zuspruch kann der Blog den Betreibern der Eishotels nur stete 20 Grad minus wünschen. Angesichts des vielen Kerosins, das über Lappland in den nächsten Wochen verbrannt wird, sind diese Temperaturen keine Selbstverständlichkeit mehr. Da passt es ins Bild, dass der Mann, der dafür sorgen soll, dass u. a. auch weniger Flugzeug fliegen, wegen notorischer Vielfliegerei zurücktreten muss.

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Versailles 2.0 – warum eigentlich?

Ein Versailles 2.0 droht, und an den Briten liegt es nun, dies zu verhindern. Gott sei dank müssen sie dafür nicht einen neuen Weltkrieg beginnen – um Versailles 2.0 abzuwenden, reicht es, etwas zu vollbringen, was in den letzten 30 Jahren bisher niemand geschafft hat; die Briten müssen einen Vertrag, an dem die Deutschen maßgeblich beteiligt waren, torpedieren. Da die EU es geschafft hat, einen Austrittsvertrag anzubieten, den selbst eingefleischte Europa-Bekenner (u. a. auch Blair) ablehnen, haben sich die Nachfahren Drakes und Raleighs bereits daran gemacht, totales Chaos, das sich nur durch Neuwahlen oder einen Volksentscheids beenden lässt, zu stiften. Shakespeare hätte an dem Tahuwabohu, für das vor allem (eigentlich in erster Linie) die Brexiter sorgen, seine helle Freude gehabt – gleich drei oder vier Dramen hätte er verfassen können. Nur Morde, ohne die würde der Barde es auch heute nicht machen, hätte er erfinden müssen. Es kommt, wie schon in der letzten Kolumne gemutmaßt, nun darauf an, dass der Irrsinn nicht aufhört, sprich die Hardliner weiter ihre Ranküne pflegen. Sollten sie zur Besinnung gelangen und May unterstützen, wird es schwer, einem Versailles 2.0 zu entgehen. Einen Vertrag vorzulegen, mit dem nur kluge Brexiter, also jene, für die die EU kein rotes Tuch, so dass sie nicht in den Stier-Modus geraten, zufrieden sein können, ist ein Schlag gegen die 48 Prozent, die für den Verbleib in der EU waren. Wollte die EU überhaupt einen Aufstand der Hardliner herbeiführen? Nach Verheugens Einschätzung, der mit dem Gebaren seinen ehemaligen Kollegen hart ins Gericht geht, wohl eher nicht – die dachten dort, angesichts der Gefahr, im Falle einer Ablehnung praktisch für eine gewisse Zeit ohne den Kontinent klar kommen zu müssen, würde sich der Widerstand in Grenzen halten. Das war ein Fehler. Und wenn es noch vielen so wie mir geht, der mit Freude das Geschehen verfolgt, was wohl der Wiedervereinigung, von der sich der Eindruck verfestigt hat, dass unsere Vertreter über den Tisch gezogen wurden, geschuldet ist, dann hat die EU wirklich ein Problem mit ihrem Renommee – ein bürokratischer Apparat ist zu einer bürokratischen Dampfwalze, der sich entgegenzustellen nur ratsam ist, wenn man tief in den heißen Asphalt vergraben kann, mutiert. Eine Regierung (Labour), die sich mit Brüssel mal nicht über das Geld (eigene Währung) streitet, sondern mit den Beamten darüber diskutiert, ob ihre Maßnahmen den Prinzipien der EU widersprechen (es muss ja alles marktkonform sein), wäre eine ungeheurere Bereicherung für Europa. Alleine schon aus diesem Aspekt wäre es schade, wenn die Briten austreten sollten. Versailles 2.0 muss darum unbedingt verhindert werden.

PS: Merkel kann im Osten kommen, wohin sie will – überall finden sich Leute, die sich in Stellung bringen, um kundzutun, dass sie nicht willkommen ist. Gestern in Chemnitz wurde ihr gar ein Luftgewehrbeschuss angedroht. So ehrenwert es auch ist, sich die „Unzufriedenheit“ der Menschen vor Ort anhören zu wollen – 3 Monaten nach der Hetzjagd, die nun angeblich doch keine war, so dass Maaßen mit seiner Einschätzung recht hätte, weiß wieder jeder, der Nachrichten hört, was er mit Chemnitz in Verbindung bringen muss. Es wäre wohl besser gewesen, Merkel mit der Begründung, mit ihrem Besuch würde sich bei den Menschen im Lande die Meinung durchsetzen, dass Chemnitz eine Problemstadt sein müsse, auszuladen. Britisch eben.

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May – wer kann sie noch stoppen?

Die May in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf – wovon Honecker nur träumen konnte, wird Theresa May hinbekommen, denn der von ihr ausgehandelte Vertrag, in dem sich die EU und sie darauf geeinigt zu haben scheinen, wie die Iren ihre offene Grenzen beibehalten können, ist sozusagen das Lebenselixier, das sie in die Lage versetzt, den nächsten Marathon anzugehen, noch bevor sie das Zielband des jetzigen, von dem niemand weiß, der wievielte es ist, durchtrennt hat. Hätten Ochs und Esel in Brüssel am Verhandlungstisch gesessen, wäre May vermutlich schon längst zusammengebrochen. Leider sitzen dort aber hochgebildete Leute, die aus Gründen, die ich nicht verstehe, ihr erlauben, dem Parlament ein Papier, das einen Volksentscheid unwahrscheinlicher werden lässt, vorzulegen – die Chance, dass sie damit durchkommt, mag jetzt noch sehr gering sein. Die Situation könnte sich aber gründlich ändern, wenn May nun auf Zeit spielt, sprich die Abstimmung so lange wie möglich hinausschiebt, so dass bei einer Ablehnung keine Zeit mehr bliebe, mittels eines Volksentscheids darüber zu bestimmen, ob das Land in der EU bleibt oder nicht. Da immerhin 21 von 100 Leuten, die an der Abstimmung teilgenommen haben, meinen, sie würde heute anders wählen, stehen die Chancen nicht schlecht, den Ausstieg doch noch zu verhindern. (Übrigens sind das Leute, die nie Kontakt mit den Abgeordneten hatten. Nur selten haben Teilnehmer, die vor der Abstimmung ihre Vertreter konsultierten, ihre Meinung geändert. Das spricht dafür, dass es ganz gut ist, Distanz zu unseren Volksvertretern zu halten. Keep them at arm‘s length!) Aber selbst wenn 52 von 100 anderer Meinung (also alle Brexiter) wären, würde Therese May weiter rennen – als sie als designierte Premierministerin vor die Presse trat, um im Brustton der Überzeugung, der dem Wahnsinn recht nahe kam, zu verkünden, „Brexit means Brexi“, war klar, dass sie sich an dieser Aufgabe festbeißen würde, ähnlich wie Colonel Nicholson im berühmten Film über den Bau einer Brücke über den Kwai. Sie wird nun das Stück Papier so wie Chamberlain, der geglaubt hatte, er hätte die Briten vor einen Krieg mit den Deutschen bewahrt (München), stolz in die Höhe reichen. Während man Chamberlain aufgrund der Schrecken des 1. Weltkriegs sein Einlenken noch nachsehen kann, hält sich das Verständnis für May, die sich stur nur von diesem Satz hat leiten lassen, in Grenzen. Wird es Labour gelingen, May zu stoppen? Im Jubelgeschrei über den Vertrag ist untergegangen, dass es der Partei gelungen ist, May zu zwingen, zu veröffentlichen, was ihr ihre Beamten empfohlen haben. Daraus lässt sich dann ablesen, inwieweit die Tories den Ratschlägen gefolgt sind. Die große Frage aber bleibt, wie Labour es schaffen will, die Konservativen zu einer Volksentscheidung zu bewegen. Es hilft nicht, wenn Corbyn und Co. zusammen mit den May-Rebellen deren Vertrag ablehnen, wenn dieselben Leute sich weigern, für Neuwahlen oder einen Entscheid zu stimmen. Wer sagt, dass May zurücktreten muss, wenn sie die Abstimmung verlieren sollte? Es sieht ganz nach einem großen Aussitzen aus (dagegen sind Kohls Aussitz-Manöver amateurhaft). Phoney War im Unterhaus. Die Deutschen haben dafür einen besseren Ausdruck – sie sprechen von einem Sitzkrieg. Nur ein Amerikaner konnte darauf kommen, das als „Fake-Krieg“ zu bezeichnen.

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Eine Familie fliegt zum Mond,

jedoch darf nur einer ins Raumschiff, das ihn dahin bringt, so dass die anderen, obwohl sie in die Vorbereitungen zum Flug voll involviert sind, in den Mond gucken, worunter sie, wie unschwer zu erraten ist, zu leiden haben. (Damals wurde der Mond noch regelmäßig angeflogen, gefühlt ungefähr im Rhythmus, in dem man neuerdings nach Sankt Helena gelangen kann.) Ob es heute, wo die Reise „nur“ zur ISS geht, noch genauso ist, weiß ich nicht, denn im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen damals wie heute immer jene, die ins All aufbrechen. Wer „La La Land“ gesehen, der weiß, dass dessen Regisseur Chazelle Amstrong nicht zum Mond ohne dessen Familie fliegen lassen kann. (Dass ein Mann, der einen Musical gemacht hat, sich der Geschichte der Raumfahrt der USA widmet, ist angesichts des Zwangs, die Ereignisse exakt erzählen zu müssen, dann doch erstaunlich. Vielleicht liegt es am Vater, der Professor für Mathematik und Informatik in Princeton ist.) Für einen Cineasten, der gewohnt ist, dass eine Actionszene nahtlos der nächsten folgt, ist die Geschichte wohl eher nichts, denn statt sich im Film auf den Flug, auf dem die Crew mit allen Problemen zu kämpfen hat, die halbwegs plausibel erscheinen, zu beschränken, gewährt er uns einen Blick in den Alltag des bekanntesten NASA-Austronauten, was recht mutig ist, da Amstrong nicht gerade zu denen gehört, die das Publikum unterhalten – ihn einfach als introvertiert zu bezeichnen wäre eine Untertreibung. Der Mann ist praktisch die Inkarnation der Introvertiertheit. Obwohl dessen Frau ähnlich gestrickt bzw. zu denen gehört, die sich im Griff haben, ist es keineswegs langweilig, zu verfolgen, wie die Amstrongs sich durchs Leben schlagen.
(Eine Frau, die ein Μ mehr aus sich herausgegangen wäre, hätte ihn womöglich veranlasst, am Mond vorbei Richtung Mars zu fliegen.) Als Offiziersfrau ist sie dazu berufen, ihren Mann überall dahin, wo man ihn hinschickt, zu folgen. Für einen Beruf ist da kein Platz. Sie kann froh sein, wenn sie sich mit den Frauen der anderen Offiziere – meistens sind dies die einzigen, mit denen sie Kontakt hat – einigermaßen gut versteht. (Gott sei dank gibt es Situationen, in denen ein Temperamentsausbruch sich nicht verhindern lässt. Der ist ihrem Mann völlig fremd.) Während die Ehefrauen den Tag praktisch im Schritttempo verbringen, jagen die Männer im Höllentempo durch die Lüfte. Die Stärke des Films liegt wohl in seiner Universalität – nach mehr als 2 Stunden glaubt man zu wissen, bestens über die Geschichte des Mond-Programms informiert worden zu sein. Wie es für einen guten Arzt gehört verschreibt Chazelle seinen Patienten nur das Nötigste. Und dann weiß er auch, wann die Informationspillen zu nehmen sind. Archivaufnahmen (u. a. mit Vonnegut) sind zu sehen. „Überholen ohne einzuholen“ – was Ulbricht nicht geschafft hat, hat die NASA mit dem Flug zum Mond hinbekommen.

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