Hagia Sophia – eine Form des „Bildersturms“?

Wer immer noch glaubt, Corona sei, um es mit den Worten unserer Kanzlerin zu sagen, auch eine Chance, muss sich wieder mal eines Besseren belehren lassen – ein türkisches Gericht hat Muslimen erlaubt, die Hagia Sophia als Moschee zu nutzen. Vor einem Jahr wäre niemand auf die Idee gekommen, so ein Urteil zu fällen. Mit jedem Tag, an dem Besucher ausbleiben, sowie der Erkenntnis, dass Megastädte das Ziel sind, das Touristen am längsten meiden werden, verliert der Titel Weltkulturerbe an Bedeutung, wenn sich die Chance bietet, Wähler zu gewinnen, indem sie zweckentfremdet genutzt wird. Das ist das Kalkül Erdogans, der hofft, mit diesem Geschenk seine konservative Wählerschaft bei Laune halten zu können. Als Weltkulturerbe würde die Hagia Sophia Jahre leerstehen, als Moschee wäre sie aber mindesten 5 mal am Tag – so oft sollen Muslime beten – rappel voll. Und wer glaubt, dazwischen mal in die Hagia reinschauen zu dürfen, der irrt sich gewaltig – niemand kommt mehr rein, sobald dort die Gläubigen ein und aus gehen. Mich hat man in Birmingham nicht mal durch Fenster gucken lassen. Nicht mal die Mitglieder eines Geheimbundes haben sich so kindisch und nehmen sich so wichtig. Zu deren Treffen schafft man es eher als in eine Moschee. Aber ist dagegen überhaupt etwas zu sagen? Ist es nicht besser, wenn täglich Massen zu ihr strömen? Darüber lässt sich trefflich streiten, was der Blog jedoch tunlichst unterlässt. Mit dem Gerichtsbeschluss wird eines klar – sobald der Titel mehr Nach- als Vorteile bringt, werden alle ehrenwerte Vorsätze über Bord geworden. Im Augenblick kann niemand sagen, wie viele Kulturdenkmäler wegen der Folgen des Virus in Gefahr sind. Diese Form des „Bildersturms“ – ich halte es nicht für höchst wahrscheinlich, dass noch weitere Varianten, die wir uns im Augenblick noch gar nicht vorstellen können, auftreten werden – scheint mir wesentlich gefährlicher als die Demontage der Denkmäler zu sein. Das ist ein Sturm, der von ganz oben ausgelöst wird. Aber es besteht Hoffnung für die Hagia – sollte in Konstantinopel auch nach der Ausrottung Coronas die Touristen ausbleiben, während andere Städte boomen, werden die Rufe laut werden, den Beschluss zurückziehen. Da hat es Hongkong viel besser – in zwei oder drei Jahren denkt kein Tourist mehr daran, dass Peking die Rechte der Bewohner der Stadt arg beschnitten sind. Ein Hongkonger kann dank Corona nun wegen einer Kleinigkeit in einem chinesischen Gefängnis landen. (Das lässt natürlich den Verdacht aufkommen, dass die Chinesen sich gedacht haben, wenn wir mit dem Virus zu kämpfen haben, dann soll es auch die Welt tun). 28 Millionen Touristen kamen 2018 in die Stadt. Die Hoteliers können guter Hoffnung sein, dass die Zahl wieder erreicht werden kann. Konstantinopel bleibt nur, den guten alten Zeiten nachzutrauern.

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