Ulbricht hätte es nicht besser hinbekommen

Einer hätte völlig gereicht, und angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, den Start eines Vorhabens, das viele interessiert, publik zu machen – gegebenenfalls mit dem schönen Nebeneffekt, selbst bekannt werden zu können –, schien es so gut wie ausgeschlossen, dass in unserer heutigen Zeit ein Politiker noch in der Lage sein würde, den Baubeginn eines Großprojektes nicht nur geheimzuhalten, sondern die Öffentlichkeit auch damit noch zu überraschen. Unser Oberbürgermeister hat dieses Kunststück, das vermutlich viele nachahmen werden, vollbracht. Da niemand genau weiß, ob es anderswo auch gelingt, ist Vorsicht geboten, denn diesen Stunt kann man nicht zig mal wiederholen. So etwas muss auf Anhieb klappen. Das Überqueren des Grand Canyon auf dem Seil ist dagegen ein Klacks. Leider wird außerhalb Halles das niemand zu würdigen wissen.

Dabei hätte er es verdient, wegen des Überraschungseffekts – niemand hat etwas geahnt – in einem Atemzug mit Ulbricht genannt zu werden. Letzterer hatte bekanntlich nie die Absicht, eine Mauer zu bauen. (Ich bin erstaunt, dass er überhaupt Fragen westdeutscher Reporter beantwortet hat. Unter Honecker war das ziemlich unüblich.) Aus dieser wurde dann schnell ein „Schutzwall“, der in Wirklichkeit jedoch als „Stauwall“ dazu diente, ein über der Erde verlaufendes Gewässer, etwas einen Kanal oder einen Stausee, vor dem Austrocknen zu bewahren (rein metaphorisch natürlich). Da jeder wusste, dass irgendwann die Deicharbeiten – der „bewaldete Deich“ hält keiner zweiten Flut mehr stand – beginnen würden, ist es müßig, ihm zu unterstellen, er habe uns täuschen wollen. Nur die zwei wichtigsten Aspekte, nämlich dessen Verlauf sowie der Baustart, waren bis gestern unklar.

Am vorigen Freitag Punkt 18:00 Uhr löste Wiegand die Operation „Blitzgewitter“ (mein Codename) aus. Was bisher als „geheime Kommandosache“ galt, kam am Montag, als diverse regionale Portale verkündeten, die Bauarbeiten hätten begonnen, an die Öffentlichkeit. Dass ausgerechnet die Holzfäller den Stoßtrupp bildeten, weckte schlimmste Befürchtungen. War etwa geplant, auch Bäume, auf denen kampferprobte Umweltaktivisten monatelang hätten ausharren können, zu fällen? Nach meiner Einschätzung müssen zwei oder drei jener Riesen, die Platz für ein Baumhaus bieten, den Sägen zum Opfer gefallen sein. Ich hatte es mir weitaus schlimmer vorgestellt. Am Ufer des Saalearmes sind alle stehengeblieben, jedoch ist am zukünftigen Nordende des Damms die Baumreihe recht schmal geworden. Warum vertraut der OB den Bürgern nicht? Und warum erweckt er den Eindruck, als sei erst am Freitagabend die Entscheidung gefallen? Die schnelle Arbeit der Holzfäller – binnen eines Tages waren die Bäume, angeblich um die 100, gefällt – lässt vermuten, dass alles mustergültig geplant wurde. Dazu bedurfte es sicherlich mehr als ein Wochenende.

Unverständlicherweise sind viele begeistert. Für die ist er einer, der herangeht und nicht „herumlabert“. Daher besteht für ihn auch kein Grund, sein Verhalten zu ändern, zumal er sich vor jeder wichtigen Entscheidung bei einflussreichen Leuten rückversichert, Nur die Parteien interessieren ihn nicht. (Halle ist auf dem Weg zur Meritokratie. Der Kölner würde Klüngel dazu sagen.) Ich hoffe nun, dass mit dem neuen Damm die alte Eissporthalle der Architektur wegen erhalten bleibt. Mir graut es vor einem kalten, grauen Klotz. Mehr wird es eh nicht werden.

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