Nur schlechte Nachrichten – wenigstens gibt es Kirschen in Nachbars Garten

Die Überschrift „Unruhe ist jetzt Bürgerpflicht“ und der Teaser, in dem zu lesen ist, die Runde habe „originelle Lösungen“ präsentiert, ließen Schlimmes befürchten – die Illner war gut und ich hatte, trotz des Vorsatzes, vor der Sommerpause unbedingt gucken zu wollen, den Talk verpasst. Nach dem Lesen war ich, der fürs Originelle ein Faible hat, erleichterter, denn ich konnte nichts Schrilles, Sonderbares oder Einmaliges ausmachen. Neben dem klugen Vorschlag (den Datenschutz ins Freihandelsabkommen mit den USA hineinnehmen) ist etwas ins Gespräch gebracht worden, mit dem ich mich überhaupt nicht anfreunden kann, ja mich richtig wütend macht – Obama und Merkel mögen sich bei Illner über die Spitzel-Affäre aussprechen. Ich finde, eine Einladung käme fast einem Freispruch gleich.

Da stellt sich mir die Frage, wie dieser Mann es immer wieder schafft, dass ihm kaum jemand seine Politik, die vor Selbstgerechtigkeit nur so trieft, übelnimmt? Das ist wahrlich hohe Kunst. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Bush einzuladen. Vermutlich aus Angst, er könnte sich verhaspeln. Unsicher werden. Nachgiebig wirken. Bei Obama braucht man sich keine Sorgen zu machen. Der spult alles gekonnt runter. Der greift nie in die falsch Rhetorik-Schublade. Die Menschheit will eben betrogen werden. Dass selbst hochintelligente Menschen wie Appelbaum, der den Vorschlag gemacht hat, glauben, Obama würde Fehler eingestehen, ja gar Besserung geloben, verwundert mich sehr. Sollten die Amerikaner lt. diverser Verträge berechtigt sein, abzuhören, stellt sich die Schuldfrage gar nicht für den Präsidenten. Dann wäre nämlich Merkel in der Pflicht. Sie müsste die Abmachungen für nichtig erklären.

Hochhuths Vorgehensweise finde weitaus spannender. Der hat in einem Brief Merkel gebeten, Snowden nach Deutschland zu holen. Mehr noch als der Inhalt wird ihr dessen Stil beeindrucken. Die Überschrift hat es schon in sich – mit „sehr verehrte Frau Bundekanzlerin“ ist sie wohl höchst selten angeredet worden. So zuvorkommend geht es weiter. Schon im 5. Absatz hat Hochhuth den Gipfel der Höflichkeit erreicht. Da spricht er sie mit „gnädige Frau“ an. Charmanter geht es wirklich nicht, darum sie alleine schon deswegen Snowden nach Deutschland holen müsste. Ihre Minister halten sich ja mit Höflichkeitsbezeigungen sehr zurück. Dabei hätten sie so viele Möglichkeiten zu glänzen. Leider lassen sie die alle ungenutzt. So ist in der Tagesschau öfter zu sehen, wie sie sich auf ihren Sessel und damit an den großen Tisch im Tagungsraum des Bundeskanzleramtes kämpfen muss. Keiner hilft ihr. Das Mitleid der älteren Frauen ist ihr in solchen Momenten sicher (und deren Wahlstimmen auch). Ich finde es höchst amüsant, mir Adele Sandrock an ihrer Stelle vorzustellen – sie hätte zu ihrem Sitznachbarn (die Herren sitzen meistens alle, wenn sie kommt) glattweg „Sie Flegel“ gesagt.

Hochhuth ist leider bisher der einzige, der sich für Snowden eingesetzt hat. Nicht mal eine Unterschriftenaktion, mit der gefordert wird, ihn aufzunehmen, ist bisher zustandegekommen. Und Günter Grass hat sich auch noch nicht mittels eines Gedichts zu Wort gemeldet. Ich habe es probiert, jedoch es schnell wieder sein gelassen bzw. auf die lange Bank geschoben.

Gottgesandter, blitzgescheiter,
bist gekommen, uns aufzutragen,
alles zu wahren, damit nicht geschehe,
wovor wir uns immer fürchteten, nämlich dass …

Das ist noch sehr verbesserungswürdig. Dank Wiki weiß ich, wie ich reimen muss.

Es ist nun so gekommen, wie alle mit Ausnahme unseres Bürgermeisters befürchtet haben – der Wissenschaftsrat schlägt vor, nur noch an der Uni in Magdeburg das Medizingrundstudium anzubieten, worauf unser Wirtschaftsminister Möllring eilfertig bekanntgegeben hat, intensiv prüfen zu wollen, ob die Ottostadt die Zahl ihrer Studenten verdoppeln könne. Das klingt wahrlich nicht gut. Andererseits frage ich mich, ob es nicht die Aufgabe des Rates gewesen wäre, zu erklären, welche Vorteile bzw. Kosten eine Verlegung mit sich bringen würde. Wenigstens so ungefähr. Aber selbst wenn Ausgaben reduziert und die Ausbildung verbessert werden könnten, spricht vieles dafür, dass die Nachteile überwiegen würden (Einsparungen x Faktor 1,6 ?), die Halle wohl allein auszubaden hätte. Aber damit nicht genug. Die vom Rat erwünschte Spezialisierung hätte zur Folge, dass überdurchschnittlich viele die Stadt nach Beendigung ihres Studiums verlassen. (Die Zahl der Einwohner müsste rasant steigen, um wenigstens einen paar Lehrer hier zu halten.) Magdeburg steht da wesentlich besser da – die Uni bildet größtenteils für die Industrie aus. Und die ist schnell beim Errichten von Dependancen, wenn die entsprechende Arbeitskräfte vorhanden sind. Zudem gründen viele eine Firma. Fazit – aus regionaler Sicht machen die Vorschläge keinen Sinn. Halle braucht eine vielschichtige Uni.

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