„Tenet“ – vom Wunsch, zu invertieren

<ü>„Tenet“ hieße hierzulande wohl nicht „Tenet“, wenn das Wort Grundsatz nicht dröge und langweilig klingen würde. Vielleicht lag es aber auch daran, dass den Leuten, die damit beschäftigt sind, deutsche Filmtitel zu finden, zu Hause und ohne die Chance, den Film sehen zu können, absolut nichts einfallen wollte, so dass dem Verleger nichts anderes übrig blieb, als beim Titel zu bleiben. „Tenet“ klingt irgendwie gut. Vor allem aber ist der Titel schön kurz, so kurz, dass er an längst vergangene Zeiten erinnert, als man wie unser Protagonist, der sich im Film auch so nennt, mal eben kurz in Kiew, auf der Nordsee (zumindest als Arbeiter auf einer Bohrinsel), irgendwo in Schottland, in London, Bombay oder in Amalfi war. Letztgenannten Ort erreicht man standesgemäß per Schiff, wobei ich zugebe, dass auf der Fähre, die mich ins Paradies brachte, kein Hubschrauber landen konnte (die Fahrt von Salerno über See ist wohl die aufregendste Anreise). Dafür hatte ich nicht so viel Stress wie der Protagonist, der sich mit einem russischen Oligarchen, der jedes Klischee, das über sie im Umlauf ist, weit übertrifft, einen Kampf auf Leben und Tod liefert – während Gordan Brown die Welt vor dem Finanzkollaps rettete, ist dessen Aufgabe, die Menschheit vor der Vernichtung zu bewahren. Es ist nicht ganz einfach, gegen jemanden zu kämpfen, der in der Lage ist, sich in die Vergangenheit und der Zukunft zu bewegen. Invertieren nennt man das (sagt jedenfalls Wiki). Irgendwie schafft der Protagonist sowie dessen Helfer das dann auch, was u. a. dazu führt, dass der Zuschauer noch einmal Szenen sieht, die bereits zuvor gelaufen sind, Nur eben aus einem anderen Blickwinkel. In einer solchen Welt kann es durchaus passieren, dass man sich selbst trifft, ohne es zu wollen, was vor allem für jenen, der in der Vergangenheit lebt, recht komisch sein muss. Die britische Frau des Oligarchen, die unbedingt mir ihrem Mann etwas zu klären hatte, was sie nur in der Vergangenheit hat tun können, schaffte es vor Amalfi geradeso, nicht ihrem Ich aus der Vergangenheit zu begegnen. Liebend gerne würde ich mich auch dahin invertieren. Zum Glück bräuchte ich nichts zu regeln. Jedoch bin ich mir nicht sicher, ob ich den unberührten Süden der Küste bzw. des Gebirges erkunden oder mich selbst stalken würde – mich dabei beobachtend, wie ich in einem urigen Lokal, das nur über die engen Gassen der Stadt, in die sich kaum Touristen verirren, zu erreichen ist, ein Fisherman‘s Risotto esse (mit weit mehr Meeresfrüchten als auf dem Bild). Danach eine Zitronenschnaps, den die Wirtin spendiert hat. Verwirrt? Ich hoffe, nicht wirklich, denn in „Tenet“ ist alles noch viel abstruser. Wenigstens sind sie bestens vorbereitet für die 150 Minuten, die der Film dauert. Ehrlich gesagt kann es in Corona-Zeiten gar nicht abstrus genug auf der Leinwand zugehen.

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