Es wird wirklich nicht langweilig

Gunter is banging his little tin drum“, und es sieht so aus, als ob er nicht so schnell damit aufhören würde, denn die Diskussion geht nicht nur weiter, nein, sie wird auch noch schärfer, wie Klarsfelds Kommentar „dann werden wir von dem Blechtrommelspieler die gleiche antisemitische Musik hören“ (wie von Hitler) zeigt. Falls es ihr noch nicht aufgefallen sein sollte – Oskar macht Musik, unter der alle zu leiden haben. Als Bonmot wird ihre Bemerkung nicht durchgehen, obiges Zitat ist aber schon eines. Und ich brauchte ich nicht einmal lange zu suchen – es ist der erste Kommentar zu einem Artikel im Guardian. Gerade mal fünf Minuten nach dessen Erscheinen wurde er ins Netz gestellt. Ich weiß nicht, ob der Verfasser ihn schon parat hatte, bevor der Artikel erschien, oder er beim Lesen dieses Kommentars ihm dieser Gedanke kam. Das Bild vom „Gunter“, der wieder mit der Trommel hantiert, scheint gleich in zweifacher Hinsicht richtig zu sein – einmal wegen der im Artikel aufgeführten Reaktionen anderer auf Grass‘ Gedicht, zum anderen wegen der persönlichen Meinung des Autors, der beispielsweise am Anfang schreibt, in Deutschland würde Israel zunehmend mit Nazideutschland gleichgesetzt werden, was Auschwitz relativiere. Indiz dafür sei der Satz, dass Grass sich als Überlebender eines nuklearen Angriffs auf den Iran sehe. Darauf muss man erst einmal kommen. Vermutlich Interessant ist auch die Feststellung, dass die Prinzipien „nie wieder Krieg“ und „nie wieder Auschwitz“ miteinander konkurrieren würden. Alles beides scheint nicht zu gehen. Man kann nur eines haben. Wer das liest, muss einfach der Meinung sein, dass Grass mal wieder das blanke Chaos, das sich in Schlussfolgerungen, die nur wenige nachvollziehen können, offenbart, ausgelöst haben muss. Erstaunlicherweise kommen nur wenige Forumsteilnehmer zu derartigen Schlüssen. Selbst wenn Koryphäen sein Gedicht verreißen, überwiegen jene Lesermeinungen, die sein Werk gut finden. Das ist wirklich ein Phänomen. Nie war die Diskrepanz zwischen den Medien, vertreten durch Kulturjournalisten und Historiker, und deren Nutzern größer. Von den Journalisten hat sich einzig Augstein zu Grass bekannt. Die wichtigste Regionalzeitung in meiner Heimatstadt lässt erst gar nicht die eigenen Kulturredakteure ran – zwei Historiker, Gross und Segev, übernehmen deren Job. Beide finden sein Gedicht natürlich schlecht. Gross‘ „Schande“-Moral Erklärung (es geht um Walser) ist nur schwer zu begreifen. Ich bin immer noch nicht schlüssig, ob ich es geschnallt habe.

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1 Antwort zu Es wird wirklich nicht langweilig

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