Wo ist der gute Geschmack der Bischöfe geblieben?

Sicherlich ist noch kein Autor beim Schreiben eines Buches, in dem es um Neuschwanstein geht, auf die Idee gekommen, anzugeben, wie das Lieblingsschloss Ludwigs II. aussah, als etwas weniger als die Hälfte des Betrags, den dieser zu seinen Lebzeiten in sein Märchenschloss steckte, verbaut waren. Selbst Gauweiler könnte mir nicht weiterhelfen. Mir bliebe nichts anderes übrig, als irgendwelche Archive in der Hoffnung, jemand habe detailliert Buch geführt, aufzusuchen, was aber wenig Sinn machen würde – ich tue mich nämlich schwer, Handschriftliches zu lesen, zuweilen bin ich gezwungen, meine eigene zu erraten. Darum bleibt mir nur, die Höhe des Schlosses zu schätzen. Ich denke, zwei oder drei drei Stockwerke waren bereits fertiggestellt. Auch ohne die Türme war der Bau schon hoch genug, um vom Tal aus gesehen werden zu können. Seit Ludwig hält der Trend, über allen wohnen zu wollen, an. Mit einer Ausnahme (ein Inder, der in Mombai wohnt) haben jene, die wie der Bayer leben wollen, das Gebäude, meist ist es ein Hochhaus, oft gar schon ein Wolkenkratzer, nicht für sich allein.

Natürlich müssen einige gegen den Strom schwimmen. Einer hat für weniger als die Hälfte (70 Mill. € gab Ludwig für Neuschwanstein aus) repräsentative Einrichtungen errichten lassen, die allen verborgen bleiben (und das mitten in der Stadt). Wüsste ich nicht, wer diese nutzt, hätte ich den Eindruck, jemand habe innerhalb mittelalterlicher Gemäuer und Mauern aus neuerer Zeit einen Bunker, in dem er den Sturm, der über ihn fegt, zu überstehen gedenkt, gesetzt. Das wäre aber ziemlich untypisch für die katholische Kirche. Die hat immer gezeigt, was sie hat. Prunk ist Pflicht. Prunk ist Programm. Prunk für jeden. Unglücklicherweise können den nur Tebartz-van Elst, der den Bau in Auftrag gegeben hat, Schwestern, Geistliche und Mitarbeitern genießen. Dass ich sie darum kaum beneide, zeigt, dass es um den Geschmack der Katholiken nicht zum besten bestellt ist. Gäbe es heute wieder „Bilderstürmer“, würden diese vor Wut, nichts zerstören oder herunterreißen zu können, glattweg die Häuser in der Nachbarschaft stürmen. Es ist einfach nichts vorhanden, was man kaputt machen könnte. Alles ist so grau, dass jeder, der es in dieser Umgebung aushält, sich berechtigte Hoffnung machen kann, nie unter Depressionen leiden zu müssen. Trostloser und kälter geht es nimmer. Das einzige, was der Einrichtung auf Anhieb einen gewissen Pep verleihen würde, wäre, Honeckers Asche (angeblich hat dessen Frau Margot diese auf dem Fernseher stehen) in die Reliquiensammlung aufzunehmen. Vielleicht hat der neue Bischof – von Elst wird gehen müssen – den Mut, Sprayer zu beauftragen, Teile der Anlage zu dekorieren. (Ludwig hätte nur am roten Fachwerkhaus Gefallen gefunden.)

Dass selbst die katholischen Kirche sich von der Materialbesessenheit vieler hat anstecken lassen, ist nicht sehr ermutigend. Hauptsache, die Materialien sind edel.

PS: Die Huffington Post gibt es nun auch hier. Man kann sogar noch unter einem Pseudonym schreiben. Mal sehen, wie lange. Wer hat die nur Schreiber ausgesucht?

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