Man kann es mit der Integration auch übertreiben

Das Gespenst namens „Experiment“ geht wieder um in Halle. Dabei hat doch die „Empörungsmaschine“ im Frühjahr, als der Spiegel meinte, es wäre ein Experiment, sprich Wagnis, wenn für Halle und Umgebung ein Schwarzer im Bundestag sitzen würde, jedweden Zweifel verstummen lassen. Zwei oder drei Wochen, in denen sie auf Hochtouren lief, haben gereicht, um den Eindruck zu erwecken, Diabys Kandidatur sei die normalste Sache der Welt. Danach konnte sie wieder eingemottet werden. Einige Monate später haben Halles Bürger Diaby tatsächlich zum Bundestagsabgeordneten gemacht. Der halben Welt war dies eine Reportage wert. Seit ungefähr einer Woche habe ich jedoch den Eindruck, dessen Wahl sei etwas Besonderes, das unbedingt herausgestellt werden muss. Nein, er ist nicht wegen seiner Hautfarbe beleidigt oder gar angegriffen worden. Ihm ist etwas zuteil geworden, wovon Politiker nur träumen können – die MZ hat ihm erlaubt, Tagebuch zu führen.

Jeden Sonnabend darf er nun schreiben, was ihm alles widerfahren ist. Bspw. sei er letzte Woche oft gefragt worden, ob er nach Berlin ziehe (nein). Ferner habe ich erfahren, dass sich bereits rund 50 Leute beworben hätten (für Bewerber, die nicht die MZ lesen – eine Auswahl sei noch nicht getroffen worden). Und sein Cousin, der in den USA als Professor arbeite, ihm zum Einzug gratuliert habe. Angesichts seines ausgeprägten Wesenszugs, über alle Dinge, die ihn bewegen, zu berichten, bedaure ich sehr, dass die Abgeordneten in dieser Woche keinen neuen Rettungsschirm verabschieden werden. Wäre das der Fall, würde Diaby am Sonnabend schreiben, dass er, trotz des Verzichts auf zwei Nächte Schlaf, das Gesetz nicht verstanden habe. Da es seinen Kollegen genauso wie ihm ergangen sei, habe er sich entschlossen, zuzustimmen. Da seine Kolumne „Auf dem Weg in den Bundestag“ heißt, werden wir vermutlich von ihm aus der MZ nie erfahren, warum er sich so und nicht anders entschieden hat. (Die Auguren sagen, vor Weihnachten würde eh nicht abgestimmt werden.) Das ist natürlich sehr schade. Er hat ja immerhin noch die Möglichkeit, Interessenten mittels eines eigenen Blogs auf dem Laufenden zu halten. Je eher, desto besser, denn was er schreibt, gehört nicht in eine Zeitung, die von sich behauptet, unparteiisch bzw. überparteilich zu sein. Es wäre etwas Anderes, wenn ihn die MZ bitten würde, sich über ein Thema zu äußern. (Beim Guardian ist es gang und gäbe, dass Politiker schreiben.)

Aber auch ohne Diabys Tagebuch bleibt es spannend. Heute lese ich überall, dass die Grünen mit der CDU koalieren könnten. Alleine schon der Gedanke, zwei Protestantinnen könnten das Land führen (mit Gauck wären es gar drei Evangelen) ließ einen Journalisten, ich glaube, es war Schumacher (Achilles), vor der Wahl bei Illner erschaudern. Immerhin wäre das noch besser als eine Große Koalition. Aber warum lassen SPD und Grüne Merkel nicht alleine regieren? Am Wahlsonntag hatte ich noch geglaubt, sie würden darauf verzichten, mitzuregieren. Weit gefehlt. Nach zwei Wochen sieht es so aus, als würden beide um die Gunst Merkels wetteifern. Nichts ist mehr so, wie es mal war.

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Ein Kommentar zu Man kann es mit der Integration auch übertreiben

  1. Ava sagt:

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