Versailles 2.0 – warum eigentlich?

Ein Versailles 2.0 droht, und an den Briten liegt es nun, dies zu verhindern. Gott sei dank müssen sie dafür nicht einen neuen Weltkrieg beginnen – um Versailles 2.0 abzuwenden, reicht es, etwas zu vollbringen, was in den letzten 30 Jahren bisher niemand geschafft hat; die Briten müssen einen Vertrag, an dem die Deutschen maßgeblich beteiligt waren, torpedieren. Da die EU es geschafft hat, einen Austrittsvertrag anzubieten, den selbst eingefleischte Europa-Bekenner (u. a. auch Blair) ablehnen, haben sich die Nachfahren Drakes und Raleighs bereits daran gemacht, totales Chaos, das sich nur durch Neuwahlen oder einen Volksentscheids beenden lässt, zu stiften. Shakespeare hätte an dem Tahuwabohu, für das vor allem (eigentlich in erster Linie) die Brexiter sorgen, seine helle Freude gehabt – gleich drei oder vier Dramen hätte er verfassen können. Nur Morde, ohne die würde der Barde es auch heute nicht machen, hätte er erfinden müssen. Es kommt, wie schon in der letzten Kolumne gemutmaßt, nun darauf an, dass der Irrsinn nicht aufhört, sprich die Hardliner weiter ihre Ranküne pflegen. Sollten sie zur Besinnung gelangen und May unterstützen, wird es schwer, einem Versailles 2.0 zu entgehen. Einen Vertrag vorzulegen, mit dem nur kluge Brexiter, also jene, für die die EU kein rotes Tuch, so dass sie nicht in den Stier-Modus geraten, zufrieden sein können, ist ein Schlag gegen die 48 Prozent, die für den Verbleib in der EU waren. Wollte die EU überhaupt einen Aufstand der Hardliner herbeiführen? Nach Verheugens Einschätzung, der mit dem Gebaren seinen ehemaligen Kollegen hart ins Gericht geht, wohl eher nicht – die dachten dort, angesichts der Gefahr, im Falle einer Ablehnung praktisch für eine gewisse Zeit ohne den Kontinent klar kommen zu müssen, würde sich der Widerstand in Grenzen halten. Das war ein Fehler. Und wenn es noch vielen so wie mir geht, der mit Freude das Geschehen verfolgt, was wohl der Wiedervereinigung, von der sich der Eindruck verfestigt hat, dass unsere Vertreter über den Tisch gezogen wurden, geschuldet ist, dann hat die EU wirklich ein Problem mit ihrem Renommee – ein bürokratischer Apparat ist zu einer bürokratischen Dampfwalze, der sich entgegenzustellen nur ratsam ist, wenn man tief in den heißen Asphalt vergraben kann, mutiert. Eine Regierung (Labour), die sich mit Brüssel mal nicht über das Geld (eigene Währung) streitet, sondern mit den Beamten darüber diskutiert, ob ihre Maßnahmen den Prinzipien der EU widersprechen (es muss ja alles marktkonform sein), wäre eine ungeheurere Bereicherung für Europa. Alleine schon aus diesem Aspekt wäre es schade, wenn die Briten austreten sollten. Versailles 2.0 muss darum unbedingt verhindert werden.

PS: Merkel kann im Osten kommen, wohin sie will – überall finden sich Leute, die sich in Stellung bringen, um kundzutun, dass sie nicht willkommen ist. Gestern in Chemnitz wurde ihr gar ein Luftgewehrbeschuss angedroht. So ehrenwert es auch ist, sich die „Unzufriedenheit“ der Menschen vor Ort anhören zu wollen – 3 Monaten nach der Hetzjagd, die nun angeblich doch keine war, so dass Maaßen mit seiner Einschätzung recht hätte, weiß wieder jeder, der Nachrichten hört, was er mit Chemnitz in Verbindung bringen muss. Es wäre wohl besser gewesen, Merkel mit der Begründung, mit ihrem Besuch würde sich bei den Menschen im Lande die Meinung durchsetzen, dass Chemnitz eine Problemstadt sein müsse, auszuladen. Britisch eben.

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