„Us“ – ein Puzzle, Zahl der Teile unbestimmt

„Once upon a time….“ – in „Us“ dauert es eine Weile, bis die Worte, mit denen gewöhnlich ein Märchen beginnt, fallen, aber immerhin kommen sie noch rechtzeitig genug, um sich von den Protagonisten und dem Geschehen nicht vereinnahmen zu lassen, zumal wenn dieses „Es-war-einmal..“ nicht nur als das Gruseligste, sondern auch als das Komischtes (nur Kinsky hätte es geschafft, mich noch mehr zu erheitern) in die Geschichte des Märchens, die seit der Entdeckung des Films fast ausschließlich Hollywood fortgeschrieben hat, eingehen. In „Us“ ist dies zugleich der der Abschluss und Höhepunkt der Ouvertüre zum Gemetzel, über das Sigmund Freud in breitem Wienerisch sagen würde „Was habt ihr nur, so ist das Leben“. Und in der Tat, er hätte vermutlich recht damit, denn Adelaide Erlebnis als Kind – eine Formulierung, die ich gewählt habe, um keine Spoilerwarnung anführen zu müssen – ist so immens, dass sie als Erwachsene mit allen Dämonen der Welt kämpfen müsste, um sich erinnern zu können, was ihr „widerfahren“ ist. Jedenfalls sieht es Regisseur Peele so. Ich bin kein Psychologe, um beurteilen zu können, ob Peele die Suche nach dem ausgeblendeten Ich zur richtigen Zeit beginnen lässt – ausgerechnet als es sie geschafft hat (Adelaide hat einen reichen Teddybären zum Mann sowie zwei aufgeweckte Kinder), holt sie die Vergangenheit, über die sie gar nichts mehr wusste, ein. Es ist, als ob ein Mechanismus, der einen Erinnerungsprozess auslöst, sich in Bewegung setzt, sobald das Unterbewusstsein diese „Erfahrung“ nicht mehr als Gefahr einstuft. Für mich klingt das plausibel. Warum erzähle ich das? Weil „Us“ kein Horrorfilm des Genres wegen ist, die Gewalt also durchaus Sinn macht bzw. es Gründe dafür gibt. Mir scheint, dass Peele versucht, mit „Us“ die Zuschauer, als uns, in die Adelaide Rolle zu drängen – gebannt schauen wir dem Film zu, ohne darüber wirklich nachzudenken, warum die Charaktere so sind, wie sie sind. Dem Zuschauer bleibt also nichts anderes übrig, als sich nach dem Ende des Films die Dinge zusammenzureimen. „Us“ ist ein Puzzle, bei dem alle Steine ineinander zu passen scheinen, wobei ich mir nicht anmaße, alle gefunden zu haben. Wer weiß, vielleicht geht es mir wie Adelaide, und mein Bewusstsein fördert noch den einen oder anderen Stein, den ich übersehen habe, zutage.

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