Bercow – ein neuer Robin Hood?

Wie werden Historiker in 30 Jahren über Bercow alias „Oorder“ urteilen? Natürlich werden sie ihn loben, denn anders als unsere Journalisten, deren Artikel über ihn einen Unterton aufweisen, der erkennen lässt, dass man ihm nicht sonderlich wohlgesonnen ist, haben sie die nötige Distanz, dessen Vorgehen vorurteilsfrei beurteilen zu können – wenn alle darüber stöhnen, wie schwer es ist, ständig das Hamsterrad zu bewegen, heißt das noch lange nicht, dass jemand, der es zum Stehen bringt, bejubelt wird. Genau das hat Bercow getan – die Maschinerie, zu der May das Parlament gemacht hat, ist vorerst gestoppt. Sie kann es nicht per Knopfdruck mehr für ihre Dienste anschalten. Ihr Versuch, aus Parlamentariern Fließbandarbeiter ist grandios gescheitert, und das nicht weil ihnen es zu langweilig ist, immer das Gleiche zu machen, sondern es einfach keinen Sinn macht, solange über ein Gesetz solange abzustimmen, bis die Abgeordneten klein bei geben und es entnervt durchwinken. Bercow hat die Ehre der Abgeordneten wiederhergestellt. Angesichts der Bedeutung des Brexits ist ihm ein Eintrag in die Geschichte schon sicher. (Colonel Cassad hat heute über einen tschechischen Hauptmann, dessen Truppenteil als einziger den Deutschen bei ihrem Einmarsch Widerstand leistete, berichtet. Weder über das „tschechische Brest“ als auch über Pavlik habe ich etwas im Netz gefunden.) Ob es mehr wird, kann heute niemand sagen. Im Augenblick haben es alle sehr eilig (zu sehr, wie ich meine) – das Abkommen muss unbedingt durch, koste es, was es wolle. Dabei verstehen die hiesigen Politiker es geschickt, den Eindruck zu vermitteln, sie wären nur noch mit dem Brexit beschäftigt. Das stimmt natürlich nicht – Europa verlässt sich auf völlig auf Barnier. Was er aushandelt, wird abgenickt. Für die Zustimmung des Abkommens mit May haben die Regierungschefs nur wenige Minuten gebraucht. Europa hat praktisch die Verhandlungen outgesourct. Bequemer geht es wirklich nicht. Wenn da eben nicht Bercow wäre, der mit seiner Entscheidung, eine dritte Abstimmung über das (gleiche) Abkommen im Unterhaus nicht mehr zuzulassen, alles durcheinandergebracht hat. Und es sieht so aus, als ob Europa dank Barnier seine Verhandlungstaktik, die darin besteht, ihn machen zu lassen, nicht zu ändern braucht. Dass ausgerechnet Bercow (ein Tory, der sein Mandat niedergelegt hat) seine Parteifreundin zu mehreren Canossa-Fahrten in zwei verschiedene Ort zwingt, hätte sich bis gestern auch niemand vorstellen können. Brüssel und London sind die Orte, wo May Buße tun muss. Dann heißt es im Unterhaus wieder „Oorder“, gefolgt von der Bitte an Labour, Mrs. May nicht nieder zurufen – auch sie habe das Recht, gehört zu werden.

PS: Fast hätte ich die obligatorischen Buchmesselinks vergessen.
https://www.das-blaue-sofa.de/veranstaltungen/leipziger-buchmesse-2019/do/
https://www.mdr.de/kultur/buchmesse/events/index.html
http://www.lvz.de/Thema/Specials/Leipziger-Buchmesse/LVZ-Autorenarena

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