Über die Allmacht der Mächtigen

Allmacht, wohin man nur schaut, und wer bis jetzt gedacht hat, die Deutschen würden davon verschont bleiben, wurde gestern, als nämlich der Chef Siemens einer Umweltaktivistin kurzerhand angeboten hat, Mitglied im Aufsichtsrat zu werden, eines Besseren belehrt. Luisa Neubauer war geistesgegenwärtig genug, abzulehnen. Ob das Mitbestimmungsgesetz sie davon abgehalten hat, weiß ich nicht. Mit ihrer Entscheidung hat sie dem Land eine unnötige Diskussion und viel Ärger erspart – wer Kaesers Entscheidung als Zeichen einer Allmacht verständen hätte, gegen die man ankämpfen müsse, wäre im Falle ihrer Zusage als ewig Gestriger und Feind des Fortschritts abgestempelt worden. Diese Einschätzung lässt der Tenor der Kommentare, nämlich dass ihm ein großer Coup gelungen sei, zu. (Nachdenkenseiten hat das Angebot als Idee einer Satirezeitschrift abgetan.) Dabei ist es höchst bedenklich, dass der Chef eines der renommiertesten deutschen Konzerne bzgl. der Besetzung seines Aufsichtsrates keine Rücksicht zu nehmen braucht, was die Arbeitnehmer seines Konzern darüber denken (von der Verletzung der Mitbestimmungsregeln ganz abgesehen). Dank Luisa bleiben wir von einem hiesigen Trump, wenn auch in der lightest Form, verschont. Das Original entpuppt sich gerade als zeitgemäße Version des Rattenfängers von Hameln – die Hälfte der Amerikaner laufen ihm immer noch hinterher. Oder gerade weil er wegen des Impeachments und Soleimani stark in der Kritik steht? So genau weiß das keiner. Sicher ist nur, dass Donald nicht ganz unrecht hätte, wenn er annehmen würde, er sei Gott. Ein Gott, der zum Abendbrot Hamburger verschlingt. Schrecklich. Schlimmer noch ist die Vorstellung, seine Allmacht könnte ihn dazu verleiten, öfter Leute umbringen zu lassen oder gar Kriege zu führen. Bis jetzt hieß es ja in den Medien, er würde keine weiteren Aktionen planen, da diese seine Klientel, die angeblich keinen Krieg will, dazu verleiten könnte, ihn nicht zu wählen. Was uns als Einschätzung präsentiert wird, ist in Wirklichkeit eine Kritik, die entschuldigt und besänftigt. Dank dieser hat der Führer es geschafft, bis kurz vor Moskau und nach Afrika zu kommen. Donald gibt sich erst einmal mit dem Zweistromland, aus dem er entgegen seiner Wahlkampfversprechen partout nicht mehr hinauswill, zufrieden. Erst recht nicht, nachdem er dazu aufgefordert wurde, seine Truppen abzuziehen. Gott lässt sich nicht kommandieren – nur er weiß, wann der rechte Zeitpunkt gekommen ist, das Land zu verlassen. Leider findet der Pseudo-Gott Unterstützer. Wie bspw. Maas, der behauptet hat, alle ausländischen Truppen müssten im Land bleiben, denn sonst würde ISIS wieder die Macht übernehmen. Dabei war es doch gerade die Gleichgültigkeit des Westens, der froh darüber zu sein schien, dass viele potentielle Querulanten und Ärgernismacher sich auf den Weg ins Paradies in der Wüste begeben haben. Man kann Maas‘ Beurteilung auch als Eingeständnis auffassen, dass die Iraker noch nicht in der Lage sind, alleine ISIS niederzuhalten. Dabei hat man die ausländischen Berater mit dem Ziel ins Land geholt, Szenen wie in Mosul, wo die irakischen Soldaten, als sie hörten, der Daesh komme, Hals über Kopf Reißaus nahmen, zu verhindern. Es wäre nicht das erste Mal, wenn der Westen es nicht schaffen würde, in einem Land eine schlagkräftige Armee aufzubauen. (Die Saudis haben ja auch Probleme.) Die Russen haben einen anderen Weg gewählt – lt. Southfront sollen sie dabei sein, Syrier anzuheuern, die unter ihrem Kommando gegen Dschihadisten kämpfen, die sich in der Nähe von Damaskus wieder festgesetzt hätten. Learning by Doing nennt man das wohl. Das steigert das Selbstbewusstsein. Wenn alles klappt.

PS: Der Blog muss sich korrigieren – Luisa braucht nicht die Zustimmung der Arbeitnehmer, um in den Aufsichtsrat zu gelangen, sondern müsste von der Hauptversammlung als Vertreterin der Arbeitgeber gewählt werden. Kaeser möchte sie für Siemens Energy gewinnen, das im Herbst 2020 an die Börse gehen soll. Im Augenblick hat die Energiesparte rd. 86.000 Mitarbeiter.

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