Tolstoi und die Rentner von 2030

War es Vorsehung, dass ausgerechnet an einem Tag, an dem ARTE den Film „Ein russischer Sommer“ ausstrahlte (er hatte gestern seine Fernsehpremiere), eine Studie veröffentlicht bzw. über diese in der SZ berichtet wurde, die besagt, dass 2030 in Deutschland 500.000 Pflegekräfte fehlen würden? Jene, die mit den zwei Stichworten „Tolstoi“ und „Tod“ etwas anzufangen wissen, das sind ausnahmslos alle Gucker, erahnen vermutlich schon, worauf ihn hinauswill – es geht um die Art des Sterbens, wie sie Indianer, die alt wurden, was, als die Weißen ihr Land eroberten, nicht häufig der Fall, praktiziert haben. Sie zogen aus dem Lager, um einsam dahinzugehen. Ersteres tat Tolstoi auch, das jedoch nicht ganz freiwillig. (Er hätte vermutlich Jasnaja Poljana, sein über allen Maßen geliebtes Landgut, nie verlassen, wenn er mit Helen Mirren – deren Temperamentsausbrüche haben dem Film erst den richtigen Kick gegeben – verheiratet gewesen wäre. Schade, dass im Film Tolstoi unbedingt Tolstoi sein musste. Da niemand so genau wissen will, wie er wirklich war, hätte er ruhig spritziger Agieren können.) Als sich dann herumsprach, er würde im Sterben liegen, pilgerte die Presse nach Astapowa, wo er strandete (tiefe Provinz), um darüber zu schreiben.

Da der Kreml keine Greise, die über das Land herrschen, mehr beherbergt, kommt heutzutage nur noch Vatikanstadt als Ort, wo Menschen wohnen, über deren Ringen mit dem Tod die Medien live berichten, in Frage. Angesichts der Kritik, der sich die katholische Kirche ausgesetzt sieht, wird sich mancher fragen, wie lange das die breite Masse noch interessiert. Spätestens dann, wenn nur noch wenige Fernsehsender und Zeitungen am Ableben eines Papstes Interesse zeigen, wird es Zeit, die Gepflogenheiten (Zölibat, keine Frauen als Priester etc.) zu ändern.

Müssen 2030 sich nun alte Menschen wegen des Pfleger-Mangels in den Zug oder Bus, die Beschränkungen im Fernverkehr existieren ja nicht mehr (der Blog berichtete), setzen? Es kommt darauf an, wo sie leben. Wer in München in dieser Zeit die 90 überschritten hat, ist in größter Gefahr, denn dort soll es am schlimmsten werden. Und da der Staat kaum erlauben wird, in der freien Natur (könnte Flächen in abgelegenen Gebieten wie z. B. der Colbitz-Letzlinger Heide in der Altmark freigeben) so würdevoll zu sterben, wie es den drei Protagonisten in „Melancholia“ vergönnt war (beeindruckende Minuten), werden viele im hohen Alter wohl umziehen müssen, was natürlich höchst bedauerlich ist. Vermutlich würde Halle, wo es keinen Mangel geben soll, als Ziel in Betracht kommen. Nach den Studenten, lt. Kulturzeit-Special (der Blog berichtete – nachfolgender Beitrag) sei die Saalestadt ein sehr interessanter Studienort, kommen nun die Rentner. Vermutlich ist es dann im Durchschnitt schon um 0,8 Grad wärmer als jetzt (vorausgesetzt, die Temperaturen steigen gleichmäßig). Für 2100 werden 4 Grad prognostiziert, womit die Stadt um ein Grad das Ziel – der Spiegel sprach davon, dass die Steigerung 5 Grad betragen würde – verfehlen würde. Ich vermute, dass dies ein Standortvorteil sein würde, der vermutlich noch mehr Studenten und Rentner veranlassen könnte, nach Halle zu kommen.

Dass darin eine Chance besteht, versteht sich von selbst. Der Merkelsche Grundsatz, in der Krise eine sich bietende Gelegenheit, es besser zu machen, zu sehen, hat nun die Klimaforscher erfasst – lt. Radio-Nachrichten vom Sonnabend (8:00 Uhr, um genau zu sein) böte sich Sachsen-Anhalt die Chance, Wein anzubauen. Das klang so, als ob sich viele Schrebergarten-Besitzer, die zur Zeit noch Kartoffeln und Mohrrüben anbauen, sich endlich danach sehnen würden, eine angesehenere Kultur im Garten gedeihen zu sehen. Vermutlich wird Wiedeking, der ehemalige Chef Porsches, der letzte Prominente sein, der sich den Anbau dieser aus Südamerika stammenden Frucht mit Begeisterung verschrieben hat (es würde mich nicht wundern, wenn er auch der bisher einzige wäre). Die Chance, den Ausdruck „in der Krise liegt eine Chance“ nicht mehr hören zu müssen, sind denkbar gering. Diese Woche wird sie wieder zu Chefin der CDU gewählt werden. Und wer glaubt daran, dass Steinbrück die Wahl im nächsten Jahr gewinnt?

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