Tamtam um Martin und die Hacker

Bevor Leute auf die Idee kommen, zu behaupten, der Martin sei blitzgescheit – das sind meistens jene, die immer übertreiben – bzw. viel heller als wir je zu glauben wagten (das sind die ganz nüchternen unter uns), fragt sich diese Kolumne, wie man überhaupt darauf kommen kann, Martin anzurufen. Aber vor allem – was fragt man ihn? Selbst wenn SpiegelOnline oder die SZ seine Telefonnummer veröffentlichten, würden es mir nie in den Sinn kommen, bei ihm anzurufen. Hätten die Wähler ihn zum Bundeskanzler gemacht, wäre mir vermutlich etwas, was ich ihn fragen oder über das ich mich beschweren könnte, eingefallen. Aber Martin ist im Augenblick weit weg. Außerdem scheint es recht mühsam zu sein, an die geleakten Daten heranzukommen. Und wenn man endlich zu ihnen vorgedrungen ist, stellt sich die große Frage, was man mit ihnen tun soll. Meine persönliches Steckenpferd sind Zeugnisse von Politikern und Prominenten – bspw. würde ich mich über jede Zwei, die unsere Bundeskanzlerin (auch Mutti genannt) auf ihrem „Giftblättern“ hat, freuen. Eine Drei würde mich in Ekstase versetzen. (Ich wage gar nicht, mir vorzustellen, was ich bei einer Vier tun würde.) Und es ist nicht so, dass mich nur ihr Abi-Zeugnis interessiert – alle 24 sind wichtig für mich, auch die Beurteilungen („Angela Dorothea ist eine sozialistische Persönlichkeit, die wegen ihrer engen Bindung zur Arbeiterklasse sich großer Beliebtheit bei ihren Klassenkameraden erfreut.“). Noch glücklicher würde es mich machen, wenn ich diese Informationen mit anderen teilen könnte, sprich darüber in diesem Blog berichten würde. Aber wer traut sich schon, etwas zu veröffentlichen, was illegal in die Öffentlichkeit gelangt ist. Vermutlich müsste selbst dieser unbedeutende Blog damit rechnen, verklagt zu werden. Schlimmer als die Klage wäre aber mein unvermeidlicher Tabubruch – in einer Zeit, in der es keine Tabus mehr zu geben scheint, hat die Gesellschaft es geschafft, ein neues zu erstellen, nämlich die Veröffentlichung von Daten Prominenter zu ächten. Darum muss jeder, der wissen will, wie er Martin (noch?) erreichen kann, im Netz mühsam danach suchen. Den VIPs, die jetzt laut darüber klagen, schutzlos Hackern ausgeliefert zu sein, sind wegen ihres hohen Bekanntheitsgrades wesentlich besser als die Normalbürger dran – bei denen ist die Hemmschwelle, Informationen über sie auszuschlachten, wesentlich geringer, darum die Chancen, diesen gezielt zu schädigen, weitaus höher, so dass es für ihn noch mehr Sinn als einen allseits Bekannten macht, alle Geräte, die am Netz sind, zu Festungen, die Hackern das Eindringen äußert schwer machen, auszubauen. Der bester Schutz vor Hackern ist aber ein hoher Wiedererkennungswert. Erst wenn alle Menschen berühmt sind, braucht niemand mehr Angst vor einer Veröffentlichung seiner Daten zu haben.

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