Nur der Titel überzeugt nicht („Der Aufsteiger“)

Warum schaffen es deutsche Verleiher nicht, passende Titel für ausländische Filme zu wählen? Aus dem poetisch-spöttischen Titel „The Angel’s Share“ haben sie „Ein Schluck für die Engel“ gemacht – profaner geht es nun wirklich nicht –, „L’exercice de l’État“, zu deutsch „Die Staatsgewalt“, heißt hierzulande „Der Aufsteiger“, was formell richtig ist, jedoch keineswegs der Handlung entspricht, denn die meisten Zuschauer werden, mir ist es jedenfalls so ergangen, nachdenklich das Kino verlassen (der Film läuft erst am 22.November an). Das ist auch so gewollt, und dass der Film mit einem winzigen Happyend, das völlig unerwartet kommt, ausklingt, hat mich nur noch verstörter gemacht.

In den 115 Minuten, die seinem „Aufstieg“ vorangegangen sind, hat wirklich nichts darauf hingedeutet, dass Monsieur ministre des Transports noch höher steigen könnte – zu schwer hat er sich in seinem Job getan. Davon erfährt die Öffentlichkeit aber nichts, und das nicht einmal, weil er sich glänzend darauf versteht, den Schein über das Sein obsiegen zu lassen, er sich also seiner Schwächen bewusst ist. Nein, er muss nicht schauspielern, er braucht nichts zu übertünchen – Monsieur Saint-Jean glaubt an sich, er ist fest davon überzeugt, ein guter und sachkundiger Politiker zu sein. Zweifel kommen ihm nie, was ihn nicht daran hindert, vor den Kameras immer die passenden Worte zu finden (für die Öffentlichkeit ist das noch fataler, da sie getäuscht wird). Nur die Frau seines Aushilfsfahrers will ihn nicht hören (auf dessen Rede müssen wir dank einer geschickten Regie nicht verzichten – seine Ansprache ist richtig gut, ebenso gibt es an der Regie, von einer Autobahnszene, die für meinen Geschmack etwas zu lange dauert, abgesehen, nicht viel auszusetzen).

Und natürlich weiß Gilles, sein Kabinettsleiter, was er für einen Chef hat. Er steht über den Dingen. Und er tut alles, dass diese ihn nicht überwältigen, was sein Boss nicht so gut hinbekommt. Es ist wirklich eine Freude, Michel Blanc als asketischen Ministeriums-Richelieu zu erleben – kühl, distanziert, unaufgeregt, allwissend. Er lässt sich nicht täuschen. Er weiß immer, was er zu tun hat. Und er weiß auch, wann es Zeit ist, zu gehen – dieser Vertreter des Hochbeamtenadels ist sich bewusst, dass nicht Frankreichs Politiker, sondern dessen Beamte elitär sind. Diese Rolle ist wie gemacht für Blanc, Schade, dass es nicht mehr von ihnen gibt. Diesen ausdrucksstarken Mann bekommen wir leider nur selten zu Gesicht.

Aber verhält sich ministre Saint-Jean wie ein Aufsteiger, ja gar wie ein Emporkömmling? Das ist schwer zu sagen. Im Film gibt es keine Rückblenden. Was auffällt, ist, dass er in einer Partei, die konservativ ist, keine Hausmacht hat. Das lässt vermuten, er muss es ohne Freunde (die berühmten Seilschaften, Stichpunkt Andenpakt) nach oben geschafft haben. Den französischen Alternativtitel „The Minister“ finde ich wesentlich passender.

Um Rückhalt braucht sich Göring-Eckardt vorerst nicht zu sorgen – davon hat sie mehr als genug. Wenn alles jedweder politischer Gesetzmäßigkeiten verläuft, sprich CDU/CSU sowie die Grünen im nächsten Jahr zu gleichen Zeit eine Koalition bilden, wird sie die dritte VorzeigeprotestantIn des Landes sein. Für Heiden und Katholiken ist das ein Gräuel. Zu allem Überfluss scheint sie sich nun auch noch wie Merkel zu kleiden (amTage der Verkündung ihres Sieges hatte sie eine enge grüne Jacke an).

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