Grass hat es uns einfacher gemacht, am Skandal teilzuhaben

Wann schreibt Günter Grass wieder ein Gedicht? Es wird höchste Zeit. Im Augenblick würde es sich anbieten, eine Lobeshymne auf Putin an die SZ mit der Bitte zu schicken, diese zu veröffentlichen. Die Schlagzeilen der Presse wären ihm sicher, schließlich meinen 75 Prozent, man könne ihm nicht trauen. Das gäbe Gesprächs- und Diskussionsstoff für mindestens eine Woche, denn diese Art der Schreibens hat den Vorteil, dass jeder mitreden kann. Gedichte sind in der Schule bis zum Um- bzw. vom Stuhl fallen (nur den wenigsten war es vergönnt, während der Besprechung ein kleines Nickerchen machen zu können) interpretiert worden. Natürlich darf Laudatio nicht allzu lang ausfallen – seine letzte „Skandallyrik“ hat 9 Strophen. 9 Strophen, die die Welt erschütterten (natürlich berichtete der Blog, sogar gleich zweimal).

So einfach macht es uns Frau Lewitscharoff nicht. Wer sich nicht auf die Kritiker, die ihr eine Rede um die Ohren hauen, die sie am 2. März im Dresdner Schauspielhaus gehalten hat, verlassen will, muss 16 Seiten lesen. Das ist nicht ganz einfach. Ich habe jedenfalls schon nach dem 1. Absatz keine Lust mehr gehabt, weiterzulesen. Das ist mir schlicht zu sperrig und blumig. Selbst „Fluten der Ironie“ hätten mich nicht motivieren können, mit dem Lesen fortzufahren. Dazu hätte es schon eines Tsunamis bedurft. Aber wozu gibt es Leute, die sich mit Literatur beschäftigen. Und da im Augenblick fast jeder über diesen Text etwas zu vermelden weiß (meist ist es nichts Gutes), kann sich der Leser aussuchen, von wem er aufgeklärt werden möchte. Ich habe mich, der vielen Zitate sowie der Überschrift („Herrenreiterin des Kleingeists“) wegen, für Diez entschieden. Kurzum – sie verteufelt die künstliche Befruchtung. Bei Kindern, die auf solch abartigen Wegen entstanden seien, sei sie geneigt, diese als Halbwesen anzusehen. Sie seien nicht echt, sondern zweifelhafte Geschöpfe. Die Aufregung ist nun groß. Alle sind empört. Selbst Leute, die sie eingeladen haben, distanzieren sich von ihr. Mir scheint, dass sie diese Äußerung 20 Jahre zu früh getan hat. Sicherlich würde man ihr dann auch noch vorwerfen, sie habe keinen Stil, nichtsdestoweniger könnte die Ablehnung dann weitaus weniger harsch als heute ausfallen. Vermutlich sind dann viel mehr Menschen mir ihr einverstanden, als wir es uns jetzt vorstellen können.

Wieso? Einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, lässt sich aus einer Episode der Serie „Still Standing“ ableiten – der Junge, mit dem Lauren Miller anbändelt, hat nicht zur zwei Lesben als Mütter, sondern macht sich auch noch wesentlich besser als sie in der Schule, was nicht viel zu sagen hat, da fast jeder dies schaffen würde. Die Eltern nehmen das ziemlich locker. Aber was ist, wenn aufgrund der Auswahlkriterien – der Samenspender betreibt Triathlon, hat einen IQ von 134 und wurde vor 2 Jahren zum schönsten Mann Gelsenkirchens gewählt – meistens Kinder, die künstlich gezeugt wurden, Klassenbeste sind? Ich wage mir das gar nicht vorzustellen. Arme Lesben und Schwule. Während zweigeschlechtliche Paare noch so tun können, als seien beide die leiblichen Eltern, ist das oben genannten nicht möglich.

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