Frieren für eine freie Krim

So sehr ich mich freue, hoffentlich bald aus profunder Feder erfahren zu können, wie die Russen es angestellt haben, die Krim mit nur drei Schüssen zu besetzen, so sehr fürchte ich, wenn diese Person, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Militärgeschichte (Beevor?), zum Ergebnis kommen sollte, deren Kommandounternehmen sei brillant geplant und umgesetzt worden. Wie werden unsere Politiker reagieren? Falls sie das überhaupt noch können, denn angesichts der Reaktion („Spaltung Europas“) vieler habe ich den Eindruck, dass die Russen, im Gegensatz zu früher, als bei ähnlichen Anlässen immer gesagt wurde, sie würden kommen, schon da sind. Wir sehen sie nur nicht. Meine Vorfahren konnten sie noch riechen. Da ich seit Jahren regelmäßig Knoblauch esse, bin ich der erste in der Familie, der sie nicht orten kann. Nicht auszuschließen, dass man mich bald für einen Russen hält. In dieser Situation ist es nur natürlich, dass viele Regierungen meinen, nur Sanktionen können sie noch davon abhalten, einzumarschieren.

Alle Hoffnung ruht darum auf der Abhandlung. Günstig wäre, wenn im Werk, das bestimmt ein Bestseller wird, stände, alles habe rein zufällig so gut geklappt. Willkommen wäre auch die Erkenntnis, die Russen hätten die ukrainische Offiziere bestochen, so dass die gar nicht anders konnten, als die Waffen zu strecken. Derartige Ergebnisse würden die Politiker milder stimmen. Das würde ihnen zeigen, dass die Russen ebenfalls nur mit Wasser kochten. Es würde ihnen leichter fallen, den Würgegriff, mit dem sie ab heute die Russen in die Knie zwingen wollen, ein wenig zu lockern. Die Historiker müssen sich aber beeilen, denn in 7 Monaten fängt schon die neue Heizsaison an. Sollten Putins Truppen dann immer noch auf der Insel sein, könnte jemand, so fürchte ich, auf die Idee kommen, mit dem Slogan „Wir frieren für eine freie Krim“ in den Winter zu ziehen. Der Guardian macht sich schon seit einigen Tagen Gedanken, wie man vom Gas wegkommen könne. Gestern stand in der TAZ, dass ein geringerer Erdgasverbrauch das Drohpotential Putins mindern würde. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis alle angehalten sind, auf sibirisches Gas zu verzichten.

Unsere Politiker werden jedenfalls nicht nachgeben. Diese Schmach können sie nicht auf sich sitzen lassen. Die Journalisten verfahren ähnlich – selbst die guten Argumente, mit denen aufopferungsvolle Diskutanten seit Wochen in den Foren gegen Artikel, die kein gutes Haar an Russland und Putin lassen, zu Felde ziehen, haben die schreibende Zunft nicht davon abhalten können, die Russen als alleinige Übeltäter zu sehen. Das wird nicht aufhören. Irgendwann wird der Widerstand gebrochen sein (wie in manchen Krimis beim Verhör). Bis jetzt halten die Leser dem noch stand. Zu meinem großen Erstaunen tun sich die FAZ-Leser besonders hervor, was keineswegs an den Autoren liegt, diese also genauso russophob angehaucht wie jene sind, die für andere Zeitungen schreiben. Wie lange können die Zeitungen eine Meinung pflegen, die viele Stammleser überhaupt nicht teilen? Ich weiß es nicht.

Mir ist nur klar, dass Putin wesentlich geschickter ist, als unsere Medienvertreter und Politiker denken. Die gestrige Pressekonferenz hat er dazu genutzt, den Oligarchen einen kleinen Hieb zu versetzen. Er tat kund, Abramowitsch gefragt zu haben, warum er sich von einem ukrainischen Superreichen, den die Übergangsregierung als Gouverneur Dnipropetrowks eingesetzt hat, was für Putin höchst undemokratisch ist, übers Ohr hat hauen lassen. Das dürfte bei den Russen gut angekommen sein. Nebenbei kritisierte er die Art und Weise, wie sowohl die russische als auch ukrainische Unternehmen privatisiert wurden. Der Erfolg auf der Krim macht die Kritik möglich. Er gibt Rückhalt. Ich denke, Putin wird die Sanktionen bequem aussitzen. Selbst auf einem schwedischen Sofa sollte ihm das gelingen.

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