Gehöre ich schon dazu?

In den letzten Tagen habe ich so oft Schlagworte wie „Heim ins Reich“ und „Anschluss“, dass ich mich frage, ob ich mich schon zur „Fünften Kolonne“ zählen kann. Ich glaube nicht. Stehe womöglich ich unter dem Verdacht, mit ihr zu sympathisieren? Um darauf eine Antwort zu finden, habe ich bei Wiki nachgeschlagen – es sind Gruppierungen, die heimlich und subversiv mit dem Ziel agieren, die existierende Ordnung beim Einmarsch einer fremden Macht zu stürzen. Da mir Putin bis heute noch nicht mitgeteilt, wann er kommt, kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich nicht dazugehöre. Wenn ich den Termin wüsste, würde ich dennoch nicht zu denen gehören, die versuchten, unsere Regierung zu stürzen – bis jetzt hat mir niemand gesagt, was ich im Ernstfall machen soll. Viel kommt eh nicht in Frage. Ich könnte mir vorstellen, beauftragt zu werden, die Mieter im Haus zu bitten, weiße Bettlacken auszuhängen. Das hört sich zwar leicht an, ist jedoch ungeheuer kompliziert, denn ich muss warten, bis der Russe vor der Tür steht. Die Saale sollten sie schon überquert haben. Dann sind es noch ungefähr zwei Kilometer. Wenn die Buchmacher Wetten darüber, wann die ehemaligen „Freunde“ kommen, annehmen würden, könnte ich es mir sogar leisten, die weißen Stoffe zu stellen. Ein Stoff mit den Abmessungen 1 x 1 Meter würde völlig ausreichen.

Zum Krieg wird es nicht kommen, nichtsdestoweniger fühle ich mich unwohl, wenn einige Journalisten es so richtig krachen lassen. Niemand sollte sich daher wundern, wenn in zukünftigen Umfragen 60 Prozent der Befragten meinen, Österreich und das Sudetenland hätten vor der Annexion mal zu Deutschland gehört. Ein völkerrechtlich illegaler Wiedereintritt in die Russische Föderation würde es auch tun. Zu allem Überfluss haben mir jene Passagen, in denen er begründet, warum die Krim zu Russland gehört, der Rede, die Putin anlässlich der „Wiedervereinigung“ gehalten hat, gut gefallen. (Ich hoffe, der Kreml-Server kommt bald wieder auf die Beine. Im Augenblick ist da kein Durchkommen.) Stalins Entscheidung, die Krimtataren zu deportieren, hat er bedauert. Die Bemerkung, die Russen hätten mehr gelitten, fand ich unpassend. Deutsche Journalisten sehen das natürlich ganz anders. Ich bin gespannt, wie heute deren Reaktion sein wird, wenn die beiden Soldaten, ein Ukrainer und ein Russe, wirklich von zwei Scharfschützen, die weder zur ukrainischen noch zum russischen Militär gehören, erschossen wurden. Wie die Regierung in Kiew von ihren Soldaten umgeht, ist schier verantwortungslos. Die sollen da einfach ausharren, für nichts und wieder nichts. Vermutlich verlangt sie noch, dass die ihre Stellungen verteidigen. Fast aber ich den Eindruck, die Soldaten bleiben aus Angst, sie könnten auf dem Festland Schwierigkeiten bekommen, in ihren Kasernen. Man muss schon sehr fanatisch und verbohrt sein, um zu glauben, man könne an der Situation noch etwas ändern. Das lässt das Schlimmste befürchten. Hoffentlich behalten die Militärs kühle Köpfe.

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