„Ever Given“ – was wäre, läge sie auf Grund?

Da habe ich noch mal Glück gehabt – wenn ich gleich nach meinem ersten Haarschnitt auf die Idee gekommen wäre, im Internet nach einem Spiegel für hinten zu suchen, dann würde ich jetzt zu denen gehören, die ihre bei Amazon bestellte Ware auf der „Ever Given“, die bekanntlich im Suezkanal festsitzt, wähnen. Aus dem Spiegel ist eine Silikon Nackenkontur Rasierschablone (6,99 €) geworden. Die Lieferzeit (bis zu 4 Wochen) lässt vermuten, dass die Schablone nur aus dem Reich der Mitte kommen kann. Sofern „mein“ Container nicht über Bord geht, werde ich mir wegen der Reise um das Kap der Guten Hoffnung – allemal besser als um Kap Horn, das für ein Schiff wie die „Ever Given“ vollgepackt unpassierbar sein dürfte – erst wieder im Mai die Haare schneiden können. Sich selbst zu frisieren ist zwar aufregend (vor allem als Anfänger), noch aufregender ist, zu verfolgen, wie die „Ever Given“ freigeschaufelt wird, und das sogar noch mit gutem Gewissen, denn zum einen ist die Sache glimpflich verlaufen, zum anderen kauft jeder ja nur das, was er unbedingt braucht. Das sähe ganz anders, wenn das Schiff auf dem Grund sitzen würde, worüber ein wahrer Umweltschützer ins Verzücken geriete, hieße das doch, dass kein Fisch und keine Qualle mehr ins Mittelmeer gelangte, sie somit dort auch keinen Schaden mehr anrichten könnten. Wegen das Ausbaus des Suezkanals droht das ganze Ökosystem zu kippen. Israel hat mächtig mit den neuen Arten zu kämpfen. Hierzulande wird das erst ein Thema, wenn das Baden in Mallorca zu gefährlich sein sollte. Dann werden sich die Mallorca-Süchtigen wehmütig an das Schiff, das mehrere Tage quer gelegen hat, erinnern. Der eine oder andere wird sich ärgern, dass er nicht dafür gesorgt hat, dass das Schiff dort bleibt (ein richtiger Fan der Insel schreckt vor nichts zurück). Da sich jedoch niemand für die Umwelt interessiert, kommen Ägypten, einige Reedereien und die wenigen Containerhäfen, die in der Lage sind, Schiffe dieser Größe abzufertigen, gut weg – niemand wird auf die Idee kommen, zu behaupten, die Versorgung des Westens mit Waren sei durch die Riesenpötte kaum noch gesichert. Wie schnell schiere Größe nicht mehr gefragt ist, hat Airbus erleben müssen, das vorige Woche den letzten A380 montiert hat, gerade mal 16 Jahre nach dessen Erstflug. Der große Airbus war für große Flughäfen gedacht, so wie das Schiff für große Häfen. Airbus wurde zum Verhängnis, dass die Reisenden direkte Verbindungen vorziehen, als auf einen Anschlussflug zu warten. Oder sie aus mehreren Flügen auswählen wollen. Das vorzeitige Aus droht Schiffen wie der „Ever Given“ nicht – beim nächsten Sturm werden die Windfänger warten müssen. Oder sie werden in Schlepp genommen. Niemand wird auf die Idee kommen, den Kanal zurückzubauen. Da bleibt nur, im Land der Wunder auf ein solches zu warten – so wie bei Mose zieht sich das Wasser zurück und empor steigt ein steiler Berg aus Granit, der die Passage unmöglich macht.

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