Dank LOT bleibt der Geiz geil

Coronaviren, Heuschrecken, Buschfeuer, Trump, LOT – schade, dass ich kein deutscher Hardcore-Nationallist bin, denn würden meine Chancen, depressiv zu werden, nahezu gegen Null tendieren. Ein Macho-Nationola verfügt nämlich über die beneidenswerte Gabe, sich an Dingen zu stören, über die sich ein normaler Mensch nicht aufregt. Und wenn er einmal in Fahrt ist, dann macht er seinem Ärger möglichst publikumswirksam Luft. Je mehr ihn hören, desto besser fühlt er sich. Dass sich dennoch bisher noch niemand gefunden hat, der den Kauf der Condor durch LOT als nationale Schande bezeichnet, kann nur jemand verstehen, der mit der Airline mal geflogen ist. Wer wie ich es als Sünde empfindet, das Flugzeug zu nehmen, dem wird gleich in dem Moment, in dem er im Stuhl Platz genommen hat, die Absolution erteilt. (Leider war der Flug nicht ausgebucht, so dass ich mit einem Stück schlechten Gewissens die Maschine verließ.) Andere orientieren sich mehr am Preis. Bei dem ist Condor unschlagbar, was das Unternehmen zur einer Ikone, die unbedingt, egal von wem, gerettet werden muss, macht. „Geiz ist geil“ ist anstelle des plumpen Nationalismus getreten. Und da LOT verkündet hat, Condor sei die perfekte Ergänzung, liegt die Vermutung da, die Polen werden am Geschäftsmodell festhalten, so dass es eher kontraproduktiv sein würde, zu versuchen, die nationale Tränendüse in Gang zu bringen. Lt. Experten ist Condor für LOT kein Schnäppchen. 600 Mill. € seien viel zu viel. Und dann ist dann noch der Name, der Missbehagen auslöst, wobei ich es als ganz lustig empfunden hätte, wenn mir während des Flugs der Gedanken gekommen wäre, meine schwarze Ledertasche könnte gerade in dem Moment, wo Schleich eine neue Episode über Schorschi und Beppi im Garten des Vatikans dreht, neben dem Altpapst landen. An die Legion Condor erinnert sich heute niemand. Schon in den 50ern, als die Linie gegründet wurde, muss den Leuten nicht klar gewesen sein, was die deutsche Luftwaffe in Spanien angerichtet hat. (In der DDR hätte sie „Schwalbe“, so wie das legendäre Moped, geheißen. Die hätte noch mehr als eine gewöhnliche Gesellschaft versprochen, denn schließlich ist eine Schwalbe wesentlich wagemutiger als ein Kondor unterwegs.) Während früher das Vergessen das Problem, geht es heute darum, wie die Geschichte zu interpretieren ist. Dass die Frage, wer ist schuld bzw. was getan und nicht getan hat, mal zu einem Minenfeld werden könnte, hätte sich vor 20 Jahren niemand vorstellen können.

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