Kohl – links vom Rhein fühlte er sich wohl

Was haben die Tour und Kohls Beerdigung gemeinsam? Bei beiden werden kräftig Kilometer geschrubbt, jedoch ist das dem Altkanzler noch nicht genug – im Glauben, Europa umrundet zu haben, hat er vorgestern im SchleichFernsehen gefordert, über Rotterdam, die Nordsee, Portugal und Sizilien ins Schwarze Meer und wieder zurück geschifft zu werden. Schleichs Kohl zeigt das Dilemma dieses Mannes – als Halb-Europäer, der sich nur links vom Rhein richtig wohl gefühlt hat, weiß er nicht, dass die „MS Mainz“, die ihn hoffentlich ohne Umweg nach Speyer bringen wird, die Route über Moskau und Petersburg nehmen kann. Ein echter Europäer würde diese Variante wählen. Bei Kohl wäre ich mir da nicht so sicher – ich glaube, er hätte aus Angst, der Kreml könnte auf die Idee kommen, ihn ein paar Tage nehmen Lenin zu stellen, um den Russen zu zeigen, wie asketisch Wladimir gelebt hat, abgelehnt. Der immense Aufwand, den es heute im Fernsehen zu bestaunen gibt, lässt vermuten, dass er nichts dagegen gehabt hätte, wenn er aufgrund seiner Verdienste um Deutschland und Europa in einem Mausoleum ausgestellt worden wäre. Womit ich bei dessen Vermächtnis, neudeutsch „Lebensleistung“, wäre – als Mann des Kalten Kriegs hat er es nach dessen Ende nie geschafft, über die Grenzen seines Bündnisses hinaus zu denken, geschweige denn dafür zu sorgen, den Osten, speziell Russland, auf irgendeine Art und Weise an (West)Europa zu binden. Dank des Chaos, das unter Jelzin in Russland herrschte, hat er für die kleineren Staaten im Osten nicht viel tun müssen – den ehemaligen Comecon-Staaten bleib gar nichts anderes übrig, als in die EU einzutreten. Kohls Handeln war immer auf das Wohlergehen Westeuropas gerichtet. Daher verwundert es nicht, dass die offizielle Gedenkfeier in Straßburg stattfindet. Der Osten der Kontinents hat ihn jedenfalls nie sonderlich interessiert. Als Sieger des Kalten Krieges war ihm Jelzins Russland völlig egal. Die Russen hatten einfach nichts besseres verdient.

Heute startet die Tour und Kraftwerk, die einzige Gruppe, die der Rundfahrt eine Platte gewidmet haben, sind live dabei. (Hoffentlich kann ich die CD noch vor der Übertragung des Zeitfahrens finden.) Dank des Konzerts kommen auch Leute, die mit dem Radsport nicht viel anfangen können, auf ihre Kosten. Vor zwei Jahren noch war diese Sportart derart verpönt, dass sich niemand sich dazu bekennen wollte, das Rennen verfolgt zu haben. Es war wie bei Kohl – obwohl keiner je für ihn gestimmt haben will, ist er immer Kanzler geworden. Heute haben die Menschen nun die Chance, sich zu outen. Ich bin gespannt, wie viele kommen werden. Wenn sich hinter den Absperrungen die Menschen drängen sollten, könnte es der Radsport schaffen, hierzulande wieder zu einer Hauptsportart zu werden, was dem Sport unglaublich gut tun würde (neben dem Fußball die zweite). Mit einem deutschen Star wäre es natürlich wesentlich einfacher, die Monokultur im deutschen Sport zu beenden.

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