Welche Musik zum Zapfenstreich?

Mein Gott, was bin ich froh, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, Wulffs turbulenten Abschied live vorm Fernseher mitzuerleben, denn wäre ich zu Hause gewesen, hätte ich nie im Leben mir den Zapfenstreich angeguckt, worüber ich mich angesichts des Tohuwabohus, das dort herrschte, spätestens nach den Meldungen, die darauf schließen lassen, dass Trompeten und Vuvuzelas um die Geräuschhoheit kämpften, geärgert hätte. Nach allem, was ich bisher las, müssen die Vuvuzelas den Trompeten ganz schon zugesetzt haben. Im Video, das der Spiegel auf seiner Webseite aufführt, bestimmen die Klänge des deutschen Instruments eindeutig die Geräuschkulisse. Dass mir alles trotzdem ein wenig unheimlich vorkommt (auch noch dreimaligem Sehen ist das Gefühl noch da), liegt zum einen an den Soldaten, die so unvorteilhaft gekleidet sind , dass, so vermute ich, jeder, der Sergeant Schultz aus der Serie Hogan’s Heros kennt, sofort an ihn denken muss. Wie man stämmige Soldaten in so enge Mäntel – zu allem Überfluss werden diese noch an den Bäuchen von weißen Gürtel zusammengehalten – stecken kann, ist mir rätselhaft. Dann müssen sie auch noch einen Stahlhelm (das Teil, das mich auf Schultz brachte) tragen. Die Musik, die zu hören ist, trägt auch nicht gerade zur Entspannung bei, ja ich habe den Eindruck, die Wulffs haben sich den Song „Over the Rainbow“ ausgesucht, um bei allen jenen, die seinen Rücktritt forderten, Schuldgefühle aufkommen zu lassen. Im Lied, das Judy Garland im Film „The Wizard of Oz“ singt, heißt es, dass ein Platz existieren müsse, wo es keinen Ärger gäbe. Der könne natürlich nicht auf der Erde sein, sondern müsse hinter dem Mond liegen. Angesichts des Liedes kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Wulffs glauben, man habe ihnen übel mitgespielt. Bei allem Können der Bundeswehrkapelle – hätte Garland das Lied gesungen, wäre es richtig melancholisch und ergreifend geworden. Einige hätten vermutlich geheult. Womit ich bei einem Phänomen, das mir unbegreiflich ist, bin – wieso suchen sich Politiker Stücke aus, deren Wirkung einzig und allein von der Stimme der Interpreten abhängen? Wulff ist ja nicht der erste, der sich ein Gesangstück hat blasen lassen. Schröder hat sich Mackie Messer, ein Werk, bei dem es fast ausschließlich auf die Interpretationsfähigkeit und Stimme des Sängers/der Sängerin ankommt (im Film besteht die Begleitung aus einem Leierkasten, den eine Frau bedient), in der Version des Bundes gewünscht. Vermutlich hatte er Louis Amstrongs Bearbeitung des Liedes im Ohr. Dass ihm sein Wunsch erfüllt wurde, stellt einen Akt des Musik-Frevels dar. Da in jüngster Zeit fast bei jedem Zapfenstreich derartige Vergehen zu hören waren (bsp. wurde bei Jungs Abschied „Time to say Goodbye“ gespielt), halte ich es für angebracht, eine Liste, auf der Stücke, die zum Anlass passen, aufgeführt sind, erstellen zu lassen. Aus der können die Politiker dann wählen. Eine andere Variante wäre, Politiker länger im Amt zu lassen. Leider lässt sich das Problem nicht gesetzlich lösen. Es wäre höchst undemokratisch, ein Gesetz zu erlassen, das die Zahl Zapfenstreiche pro Legislaturperiode (z. B. 2 pro Periode) begrenzt.
Tipp für Fans des bayerischen Humors – der BR wiederholt Rede der Bavaria anlässlich des Nockherbergs 2012 heute um 20:15 Uhr. Den Schluss habe ich gesehen. Nur ihr „Horstie“ habe ich vermisst. Hoffe auf den Anfang.

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