Super „J.Edgar“ – wo ist ein Jungbrunnen für Eastwood?

Was wäre das für ein toller Einstieg gewesen: „Dirty Harry“ lebt, doch statt auf Verbrecherjagd zu gehen, (in den Genuss, mit 82 noch 25-jährige dingfest machen zu dürfen, werden erst die heute geborenen Babys kommen), schaltet er nun als Regisseur alle jene aus, die prüfen, ob in Historienfilmen die Fakten einigermaßen richtig wiedergegeben werden. Ich denke da in erster Linie an Alex von Tunzelmann, die beim Guardian den Historien-Check macht – sie wurde um ihren Job gebracht, denn Estwood hat am Ende seines Films „J.Edgar“ Szenen, die nicht den Tatsachen entsprechen, korrigiert. Zu meinem großen Erstaunen (ich lese jeden ihrer Beträge, diesen aber muss ich übersehen haben), hat sie „Harrys“ letzten Film doch in die Mangel genommen. Wie respektlos! Ich werde ihn erst nach dem Schreiben lesen. Der Aufmacher verheißt aber wirklich nichts Gutes. Mir ist zwar auch aufgefallen, dass Eastwood die McCarthy-Zeit (Hoover lässt mal eine bissige Bemerkung über fallen) links liegen gelassen hat, jedoch habe ich mich daran nicht sonderlich gestört – von den 8 Präsidenten, denen Hoover diente, ist gerade mal einer, nämlich Nixon (ausgerechnet jener, der…), zu sehen. Und der taucht im Film nur auf, weil der FBI-Boss in dessen Amtszeit gestorben ist, was natürlich die Frage aufwirft, wie ein Präsident dessen Ableben aufnehmen würde, denn schließlich gehört er zu den 8 unglücklichen, die Hoover erpresst hat (er hatte sie alle mit seinem Dossier, das viele pikante Informationen aus deren Privatleben enthielt, in der Hand). Hoover diktiert kurz vor seinem Tod seine Memoiren diktieren, und das tut er nach dem Motto „Wo Hoover draufsteht, ist nur Hoover drin“, was frei übersetzt heißt, dass sich alles nur um ihn und seine Sicht der Dinge dreht (folglich gibt es zwei Zeitebenen im Film klar). Mitte 70 und immer noch in Amt und Würden, glaubt er, er habe in seinem ganzen Leben immer obsiegt, immer recht gehabt und immer recht bekommen. Ich kann mir schon vorstellen, dass ein alter Mann, der jahrzehntelang unumschränkt seine Macht ausüben durfte, nur dieser Meinung sein kann. Da aber klar wird, dass Hoover Unrechtes tut, halte ich es für legitim, ihn so zu zeigen, wie sie sich selber gesehen haben dürfte. Ich muss zugegen, dass mich der Film fasziniert – zum einen unterlässt Eastwood es tunlichst, uns zu zeigen, was sich außerhalb der Welt des Mr. Hoovers abspielt, selbst Martin Luther Kings Friedensnobelpreisverleihung stellt er aus dessen Perspektive dar (bezeichnenderweise ist ein schwarzer „Agent“ der einzige FBI-Angestellte, der an dessen Meinung zweifelt), zum anderen wegen der Schauspieler – DiCaprio, Hammer und Watts sind sowohl ohne als auch mit Masken bzw. geschminkt überragend. Den erstgenannten habe ich immer für blasiert und unnahbar gehalten. Ich habe mich gefragt, wie ein Schauspieler, der ein Gesicht aus Stein zu haben schien, so beliebt sein kann. Nun muss ich mich gründlich revidieren – DiCaprios Mimik schreckt mich nicht mehr ab, ganz im Gegenteil, ich finde sein Mienenspiel richtig gut. Hoovers Fähigkeit, Menschen, die ihm zugeneigt waren, gnadenlos auszubeuten, bringt er gut zur Geltung. Die beiden anderen Schauspieler verkörpern Personen, die ihr ganzes Leben ihm opfern, selbst im Rentenalter arbeiten sie noch für ihn. Watts spielt Hoovers Sekretärin, und das brillant. Distinguierter geht es nimmer. Sammer mimt seinen Stellvertreter. Er glaubt, Hoover sein ihn verliebt. Ohne die beiden hätte er sich nie so lange im Amt gehalten. Es ist schon eine eigenartige Geschichte, die Eastwood erzählt – das FBI wird von einem Triumvirat, entgegen der Regel (siehe Duden) ist auch eine Frau dabei, geführt, das auf einer Etage sitzt, auf der die Zeit stehengeblieben ist. Es bedarf, so vermute ich, jede Menge Selbstbewusstsein, um mit 82 einen Film über die letzten Tage eines Mannes, den man bereits um 5 Jahre überlebt hat, machen zu können. Aber Eastwood hat auch eine Frau, die wesentlich jünger als er ist, er somit keine Angst zu haben braucht, so wie Hoover zu enden. Nun wird es Zeit, dass ich Tunzelmanns Artikel lese. Ich würde mich nicht wundern, wenn Hoover auch in die Deportation der Anglo-Japaner, die nach dem Angriff auf Pearl Harbour schwer zu leiden hatten, involviert gewesen ist.

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