„Pride“ und „Mukha – Die Fliege“ (stolz, stolzer, am stolzesten)

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, wer zu früh kommt, den bestraft die Vergesslichkeit, es sei denn, der hochgeschätzte Leser vermerkt, auch aus reiner Vorsicht, führende Medien könnten den Film als nicht kritikwürdig einstufen, in seinem Outlook- oder Thunderbirdkalender, dass am 30. Oktober „Pride“ in die Kinos kommt. Dass er in Halle exakt einen Monat eher zu sehen war, könnte an der Rubrik, unter der er lief, gelegen haben – dank der Edition Salzgeber (mehr über ihn bei Wiki), deren Filme regelmäßig im „Zazie“ laufen, hat das Kino ihn vor dem offiziellen Start zeigen dürfen. In England, wo „Pride“ schon seit 3 Wochen läuft, wurde das Werk, sehr zum Leidwesen der Übersetzer, die für ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt, eine treffende und möglichst noch originelle Umschreibung finden müssen, als „crowd-pleasing“ bezeichnet. Da es nur beim „Freitag“ Usus ist, ausländische Artikel zu veröffentlichen, brauchen diese keine Angst zu haben, dass sie das Wort zur Verzweiflung treiben könnte. Irgendwann siegt eh die deutsche Angewohnheit, zum Substantiv zu greifen, so dass es hieße, der Film sei ein (großer) Publikumserfolg (crowd-pleaser).

Womit sie völlig recht hätten, jedoch nicht unerwähnt bleiben soll, dass ich die ersten Minuten, als die Schwulen und Lesben, um Sie gleich in den Jargon des Films einzuführen, darüber diskutieren, wie sie den streikenden Bergarbeitern helfen und, was noch viel wichtiger ist, sie diese dazu bringen können, ihre Hilfe anzunehmen, nicht so toll gefunden habe – die Dialoge sind recht platt, die Szenen, in denen die Antagonisten streiten, wirken unwirklich. Die Schauspieler machen einen verkrampften Eindruck. Als ob sie nicht wüssten, wie man diskutiert. Klassenkampf scheint nicht das Metier der Schwulen und Lesben zu sein, wobei das, wie sich später herausstellt, eine Generationsfrage ist – sobald die ersten Heteros, die meist älteren Semesters sind, auftauchen, kommt richtiges 80er Jahre Feeling auf. Und es wird derber und herzlicher, jedoch nie geschmacklos – „Little Britain“ light, also ohne den einzigen Schwulen im Dorf. Wenn schon Schwule auf dem Lande, dann bitte in Scharen.
Mein Fazit: Linker und solidarischer wird sich das Vereinigte Königreich nicht mehr präsentieren. Wenigstens hat der Humor den Stürmen der Zeit widerstanden.

Wer des deutschen Schulsystems, der Odenwaldschule und Alice Schwarzer überdrüssig ist, sollte sich unbedingt „Mukha – Die Fliege“ angucken (der Film ist so hervorragend, dass man nur eine Sache bzw. Frau Schwarzer nicht zu mögen braucht). Ein Land, in dem nur Menschen, denen man nicht böse sein kann (selbst der Dorf-Oligarch, der genauso rücksichtslos und brutal wie seine reicheren Brüder vorgeht, hat Charme), leben. Und einer lässiger und nonchalanter als der andere ist. Ein Genuss für den Zuschauer. Selbst das Hollywood der 40er bis 60er, das Coolness und Understatement perfektioniert hat, hätte Schwierigkeiten, mitzuhalten. Toller Film.

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