Nur den Lehrern ergeht es schlimmer („Am Sonntag bist du tot“)

Wenn Sie ganz sicher sein wollen, während 92 Minuten des Films „Am Sonntag bist du tot“ nicht den geringsten Schimmer zu haben, wer einem Pfarrer, als er die Beichte abgenommen hat, gedroht haben könnte, ihn am nächsten Sonntag zu töten, machen sie es so wie ich – kommen Sie einfach 7 Minuten später (natürlich unbeabsichtigt). Das gilt erst recht für Kinogänger, die, sobald nur wenige Personen als Täter in Frage kommen, nicht anders können, als ihr Gehirn damit zu martern, herauszufinden, wer der Übeltäter sein könnte. Den Hercule Poirots sei gesagt, dass es verflucht schwer ist, sich darauf zu konzentrieren – es gibt kaum Anhaltspunkte. Jeder ist bestrebt, sich so verdächtig wie möglich zu machen. Nach einer gewissen Zeit ist eines nur klar – wie Mr. Ratchett (ausgerechnet Richard Widmark, einer meiner Lieblingsschauspieler) im Film „Mord im Orient-Express“ wird Father James nicht enden. Damit ist schon alles über die kriminalistischen Teil des Films gesagt.

Viel aufregender ist, zu erleben, dass selbst Klugheit, Witz, Schlagfertigkeit und Charme nicht davor schützen, zum Mülleimer, in dem man ungestraft alles hineinschütten darf, degradiert zu werden. Ausgerechnet ein Pfarrer, den Brendan Glesson glänzend spielt, ereilt dieses Los. Und das in Irland, einem Land, das katholischer nicht sein kann. Dass die vielen Missbrauchsenthüllungen das Ansehen der Kirche arg ramponiert haben, war mir klar. Jedoch wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass die Iren die Skandale zum Anlass genommen haben könnten, gegen ihre Pfarrer Krieg zu führen. Wenn McDonagh, der seit seinem ersten Film „The Guard“ als der Irland-Experte schlechthin gilt, meint, viele würden nicht verhehlen, dass sie die Geistlichen verachten, glaube ich ihm das unbesehen. So schön, so gut. Leider aber trifft James das Übel, aus allen Gefechten als Sieger hervorzugehen (das ist nicht sonderlich schwer), was dazu führt, dass sich seine Gemeindemitglieder genötigt sehen, ihn mit immer dümmeren Sprüchen und immer schlimmeren Leidensgeschichten, die ihnen irgendwann einmal in ihrem Leben widerfahren sind, zu nerven. James schluckt alles. Und schlägt, wenn er kann, zurück. Das auf hohem Niveau. (Einer der besten Dialogfilme der letzten Jahre. Alleine schon deswegen lohnt sich der Besuch.) Und dann ist immer die Angst, ja die Gewissheit, im Hinterkopf, dass derjenige, der gebeichtet hat, seinen Plan umsetzen könnte bzw. wird. McDonagh setzt noch einen drauf, indem er die Story rasant erzählt. Vom Tempo her (die schnellen Schnitte sind grandios) spielt der Film in New York statt in der Connemora. In keiner Szene des Films lässt er die Kamera zu lange auf etwas blicken. Der Versuchung, mit langen Landschaftsaufnahmen den Film aufzupeppen, hat er widerstanden.

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