Ist Tsipras der bessere Preuße?

Gratulation an die Griechen – sie haben etwas geschafft, was die wenigstens für möglich gehalten hätten, nämlich innerhalb von 8 Tagen eine Volksabstimmung, dessen Ergebnis, um es im Jargon unserer Kanzlerin zu sagen, von allen akzeptiert wird, auf die Beine zu stellen. Das verdient Respekt. Überzeugender kann man nicht für den eigenen „Standort“ werben. Am Tag nach der Wahl hat Tsipras einen Finanzminister, der seine Kollegen nicht in Angst und Schrecken versetzt (ich kann mir vorstellen, dass jene, die seine Bücher kennen, geglaubt haben, Minotauris würde am Verhandlungstisch sitzen), bestellt und dafür gesorgt, dass alle Parteien, von den Kommunisten und Rechten abgesehen, ihn unterstützen. Aber was nutzt ihnen ihre Schnelligkeit, wenn ihre Verhandlungspartner auf der Stelle treten? Während Tsipras sich nicht nur der Clausewitz‘ zugesprochene Taktik, der Angriff sei die beste Verteidigung, bedient, sondern diese nahezu perfekt anwendet (ja die sogar im Schlaf zu beherrschen scheint), hat die Preußin Merkel sich für eine Variante, die so gar nicht preußisch ist, entschieden – Eingraben heißt ihre Devise. Und dann wählt sie auch noch ein Loch, das so tief ist, dass sie sich auf Zehenspitzen stellen muss, um über den Erdrand gucken zu können (der Bundeskanzler gehörte im Falle eines Kriegs zu den wenigen Privilegierten, die ihre Schützenlöcher nicht selbst zu graben brauchen). Bei der Verteidigung Trojas – vermutlich wären die tapferen Griechen alle in ihrem Holzpferd jämmerlich am Strand erstickt, wenn Merkel die Stadt verteidigt hätte – war die Strategie des Verschanzens sicherlich die richtige Wahl. Warum sie ausgerechnet in einer Situation, in der schnelles Handeln (schon um den Eindruck zu verhindern, man sei unflexibel) und Eigeninitiative gefragt sind, darauf zurückgreift, ist mir rätselhaft. Statt selbst zu agieren, überlässt sie den Griechen das Terrain. Merkel hat nur Verteidigungsstrategien. Und die erarbeitet sie nicht im Voraus, sondern wenn sie die braucht. Warum musste sie sich heute mit Hollande treffen, wenn eine Woche Zeit war, sich auf dieses Ergebnis einzustellen? Das Bild, das Europa im Augenblick abgibt, ist schlecht – ein riesiges Bürokratie-Monster, das, wenn überhaupt, nur schwer in Gang kommt. So ein Monster gibt sich Regeln, die deren Vertretern ermöglichen, nachts durchschlafen zu können, während anderswo das Chaos tobt. Wenigstens stehen die Türen offen, vermutlich in der Hoffnung, Tsipras möge sie einrennen, was er natürlich nicht tun wird, sondern, ganz im preußischen Sinne, einen eigenen Plan vorlegen wird. Wenn Merkel nicht in Berlin leben würde, wäre ich geneigt, zu behaupten, Tsipras sei der bessere Preuße. Wundert sich da noch jemand, wenn ausgerechnet die Bayern die Griechen so heftig angreifen?

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