Versucht sich Poirot als Leonardo?

Nichts Neues, was den Mord und Poirot betrifft, aus dem Orient-Express, dafür aber mehr Kultur, und das gleich zu Beginn, denn anders als bei der Verfilmung vor 43 Jahren, die mit dem Einsteigen der Protagonisten in den legendären Zug startet, lässt Branagh uns wissen, dass angesichts der Köstlichkeiten, die Istanbul in den 30er Jahren zu bitten hat (als ich Poirot sah, wie ein er Blech voller kleine Kuchen anbetete, habe ich mich gefragt, wann die erste syrische Bäckerei, die nach dem Hörensagen schon längst hätte ihre Waren anbieten müssen, in Halle eröffnet wird), Hercule Poirot nicht unbedingt darauf versessen ist, in den legendären Zug zu steigen, um einen Mordfall in England zu lösen. (Dank Agatha Christie wissen wir, dass schon damals nur die klügsten Köpfe gut genug für die Insel waren. Kein Wunder, dass die Brexiter denken, ohne Britannien wird Europa zerbrechen.) Im Zug, der opulenter und prunkvoller als jener aus dem ersten Film eingerichtet ist, zudem den Reisenden viel mehr Licht bietet (der alte ist dagegen ein „Schwarzes Loch“), neben die Dinge dann ihren gewohnten Verlauf, was keinesfalls langweilig, ja teilweise sogar recht amüsant ist. Es sei noch verraten, dass Branaghs Poirot der eitelste, den es je gegeben hat, ist. Manchmal ist er kurz davor, unsympathisch zu werden, jedoch schafft er es wieder, mein Wohlwollen zurückzugewinnen. Um die eigene Selbstachtung zu wahren, hat er sich am Schluss einen Gag, von dem nur er weiß, dass es einer ist, ausgedacht – in einem Tunnel, vor dem der Zug wegen einer Lawine festsitzt (sind die etwa über die Hohe Tatra gefahren?), hat er Leonardo da Vinci gespielt, indem er alle, die im Zug sind, an einer lange Tafel Platz nehmen lassen („Das Abendmahl“). Jesus ist diesmal eine Frau, die wie er in der Mitte sitzt (Michele Pfeiffer ist ihm sogar recht ähnlich). Vermutlich sind an der Tafel im Tunnel genauso viele wie an jener Leonardos versammelt. Stille Genugtuung für den Stress, denn er wegen deren Täuschungsversuchen zu ertragen hatte. Einen Hercule Poirot führt man nicht hinter das Licht. Zig Desserts und Törtchen hätte er in der Zeit, in der er damit beschäftigt war, den Mörder zu finden, essen können.< /p>

PS: Lange ist es her, dass dieser Blog ein Video ins Netz gestellt hat. Ich hoffe, ich bin mit dem neuen Lied von Charlotte Gainsbourg nicht ganz aus der Welt, sprich aus mir kennt es schon jeder.

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