Schock – die Russen können Eröffnungsveranstaltung (neudeutsch, bitte um Entschuldigung)

Erst der Sputnikschock, dann der Gagarin-Schock, nun der Olympiaschock – ausgerechnet die Russen, von denen ich dank der hiesigen Medien den Eindruck habe, sie würden nichts auf die Reihe bekommen, legen eine Eröffnungsfeier hin, die moderner und avantgardistischer nicht sein kann. Der Schock war so groß, dass die beiden Kommentatoren des ZDFs, das live sendete, glatt vergaßen, zu sagen, wie es ihnen gefallen hat. Statt den Abend mit einer Einschätzung, die aufgrund der spektakulären Show nur eine Lobeshymne auf alle jene, die am Programm mitwirkten, sein konnte, zu beenden, gab es Skepsis (würde morgen alles klappen?) sowie den Hinweis, dass es nun endlich losgehen würde. (Wenigstens einmal hätten sie sagen können, was sie vom Programm halten. Fast drängt sich der Eindruck auf, man habe es ihnen verboten.) Dem Abgesang ließ sich entnehmen, dass die knapp drei Stunden ziemlich überflüssig waren.

Fairerweise muss ich einräumen, dass die schreibende Zunft noch schlechter war. Die SZ hielt es für nötig, zu erklären, wie sich die Geschichte Russlands wirklich zugetragen habe. Die haben Angst davor gehabt, die Zuschauer könnten glauben, dass in der Sowjetunion die jungen Menschen Rock ’n‘ Roll tanzten. Bei der TAZ ging es noch engstirniger und bornierter zu. SpiegelOnline war auch nicht besser – nur wenige Showeinlagen (Ballett) wurden für niveauvoll befunden. In allen Blogs ist kräftig über Putin gelästert worden. Besonders einfallsreich fand ich die Gags nicht. (In der SZ konnte man abstimmen, ob Putin oder Blatter die Flamme entzündet.) Wenigstens hat der Guardian es geschafft, Putin außen vor zu lassen. Dem Blogger war das Programm wichtiger. Und hat recht er damit gehabt, denn das hat all unsere Aufmerksamkeit verdient.

In erster Linie geht es natürlich um die Choreographie. Diese ist den Russen ausgesprochen gut gelungen. Wer gehofft hatte, etwas Volkstümliches zu erleben, wurde schwer enttäuscht. Kosaken kamen nicht vor. Russische Bäuerinnen fehlten auch. Niemand verlangt, dass die Russen zeigen, wie es im Gulag zuging. Aber bevor sie ihre Revolution feierten – riesige rote Zahnrädern, die man auch im Ackerbau hätte einsetzen können, bewegten sich längst über den Platz – hätten sie zeigen können, wie die Leibeigenen sich auf den Feldern quälten. Die futuristischen Darbietungen wurden von noch futuristischer Musik begleitet (ich glaube, einen Hauch „Metropolis“ bei der Darstellung der fünfziger Jahre ersehen zu haben). Damit hatte ich nicht gerechnet. Natürlich gab es auch viel Klassisches. Erstaunlicherweise konnte ich einigen Darbietungen dieses Genres nicht so recht folgen. Am schlimmsten war es, als junge Russen auf dem Stadtplan Petersburgs, der ganz in Grau gehalten war, marschierten. Zwei Minute länger, und ich wäre fast blind gewesen. Zu meiner Schade kann ich nicht sagen, zu welchem Marsch sie defilierten. Poschmanns Bemerkung, sie werden ihn vom Kölner Karneval kennen, war da auch keine Hilfe. Und wenn ich schon beim Kritisieren bin – für meinen Geschmack hätte die Regie öfter in den Innenraum gehen können. Es macht mehr Spaß, die Akteure von nahen zu sehen.

Neben der Show (ich bin gespannt, was uns die Brasilianer zeigen werden) ist natürlich der Einmarsch der Olympioniken wichtig. Welche Nation hat die schickesten Sportler? Ließe sich anhand der Mode ableiten, wer die meisten Medaillen gewinnt, bräuchten jene Länder (die Russen mal ausgenommen), die obligatorisch immer in der Wertung vorne liegen, gar nicht erst anzutreten. Peru würde bei mir auf Platz 1 landen. Leider sind nur zwei am Start. Die vier oder fünf Leute, die einmarschierten, waren so cool angezogen, dass ich vor lauter Begeisterung nicht mehr in der Lage bin, zu sagen, ob sie dunkelbraune oder schwarze Jacken (toller Schnitt) trugen. Oder waren beide Farben vertreten? Auf alle Fälle tragen sie eine blaue Hose. Am rechten oberen Hosenbein hat der Designer einen schwarzen Stoff (ein Rechteck, ich vermute, das ist eine Tasche) angebracht. Das sind todschick aus. Die Australier (weiße Jacken, schwarzen Hosen) sehen auch ganz passabel aus. Die Chilenen auch. Warum die Amerikaner ein Narrenkostüm gewählt haben, kann ich nicht sagen. Wenigstens fallen sie damit überall auf. Das kann ich auch über Deutschen schreiben. Wenn ich nicht wüsste, dass Bogner, der die quietschbunte Kleidung entworfen hat, ein Bayer ist, würde ich sagen, die Farbzusammenstellung zeige, was fast 500 Jahre Reformation alles anrichten können. Bis nach München ist Luther aber nicht gekommen. Die erinnert mich sehr an den I. Weltkrieg – wie haben sie sich 1914 im Ausland über die deutschen Pickelhaube und deren Träger amüsiert. Genau 100 Jahre später diese Winterbekleidung. Hat man sich womöglich für etwas Geschmackloses entscheiden, um die Konkurrenten in Sicherheit zu wiegen?

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1 Antwort zu Schock – die Russen können Eröffnungsveranstaltung (neudeutsch, bitte um Entschuldigung)

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