Ein Zweimann-“Sturm“ nimmt das Publikum im Sturm

Wie ich Caroline Sullivan beneide, denn die konnte, als sie über das Stück „The Isle is Full of Noise: The Tempest Puppet Music Show“, dessen Erstaufführung auf dem Kontinent ich vorgestern im Thalia erleben durfte, schrieb, wenigstens auf ihr geballtes Wissen, das sie sich als Musikkritikerin des Guardians angeeignet hat, zurückgreifen. Im Stück sorgt nämlich McCarthy, der Gitarist bei Franz Ferdinand ist, für die, zu meiner großen Freunde, stellenweise recht laute Musik. Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass in ihrer kurzen Einschätzung – es sind gerade mal vier Absätze – der berühmten Mann aus Glasgow, der in Bayern aufwuchs, was ihn davor bewahrte, sich den ortstypischen Dialekt, der selbst für Engländer unverständlich ist, anzugewöhnen, im Mittelpunkt steht (wäre aus ihm ein erfolgreicher Skifahrer geworden, würde niemand außerhalb der Weißwurst-Zone den Sieger-Interviews folgen können). Mir fällt zu FF nur „Take me out“ ein. Und über Philipp Pleßmann, der sich zugetraut hat, alle Sprechrollen zu übernehmen, habe ich bis vorgestern überhaupt nichts gewusst (ich bin also in der schlimmen Situation, mich ausschließlich auf die Aufführung konzentrieren zu müssen). Das Original („Der Sturm“) weist lt. Wiki viele Personen auf, Pleßmann aber hat, wie auf der Leinwand zu entnehmen war (eine Art PowerPoint; recht ansprechend) sich auf circa 8 beschränkt (dummerweise habe ich mich nicht vor dem Stück über Shakespeares letztes Werk schlau gemacht). Wären die Personen, die aufgeführt wurden, auch aufgetreten, hätte ich keine Probleme gehabt, mir alle zu merken. Meine Unkenntnis ging gar so weit, dass ich dachte, Pleßmann muss den Ferdinand erfunden haben. Der kommt aber schon im Original vor. Die Puppen erlauben ihn, allen Personen zu spielen (das lästige Umziehen entfällt). Nicht genug, dass er alle Sprechrollen übernimmt, nein, er spielt auch noch Klavier und Gitarre (beides sehr gut). Und singen kann er auch. Um nicht vollends als Kunstgenie dazustehen, gibt er sich allergrößte Mühe, den Eindruck zu vermeiden, er würde sich auch aufs Flöten verstehen. Anhänger des Puppenspiels (die „Augsburger Puppenkiste“ hat mir das verleidet; kein Wunder, dass Brecht unbedingt von dort weg wollte), von denen es in Halle eine ganze Menge geben muss, konnten ihn schon im hiesigen Puppentheater sehen. Aus mir wird kein Puppenfreund mehr, nichtsdestoweniger bin ich froh, schreiben zu können, dass sich der Besuch gelohnt hat, wenn ich auch zugeben muss, dass es ein wenig anstrengend ist, seinen Worten zu folgen, dies jedoch in keinem Vergleich zu dem steht, was Pleßmann leistet, der in Windeseile die Personen wechselt (die Dialekte auch). In voller „Besetzung“ müsste der Zuschauer weitaus weniger Energie fürs Verstehen aufwenden. Er könnte es sich gar leisten, mal einen Augenblick abzuschalten. Das ist hier nicht drin. Aber ich bin selbst schuld. Hätte ich mich vorher informiert, wäre es einfacher gewesen, dem Geschehen zu folgen. Das Publikum feierte Pleßmann am Ende frenetisch. Vermutlich waren das alles Theater-Enthusiasten.

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