Tag der Einheit – erstmals ohne Ossis

Es ist geschafft, der Tag der Einheit ist vorbei, was nicht heißt, dass ich diesem Gedenktag nicht nicht viel abgewinnen kann – natürlich mag ich ihn, denn schließlich ist das ein arbeitsfreier Tag, der sich von den anderen nur dadurch unterscheidet, dass an den Vortagen und am Ehrentag selbst viel öfter als sonst über die Ostdeutschen berichtet wird. Die Sicht auf die Wende und die Einheit hat sich natürlich im Laufe der Zeit geändert. In diesem Jahr fiel oft das Wort „Kolonie“, die völlig vom Westen kontrolliert werde, da dieser, anders als die Briten, die sich bspw. in Britisch-Indien gerne Einheimischer bedienten, was wesentlich kostengünstiger war (sie haben sozusagen die Buschzulage gespart), beim Aufbau und der damit verbundenen Rekultivierung des Ostens auf Leute mit westdeutschen Stallgeruch gesetzt hat. (Vermutlich wäre die Wiedervereinigung ganz anders verlaufen, wenn Stalin der Gründung der DDR nur unter der Bedingung, dass dessen Bewohner ab sofort nur noch Russisch sprechen dürfen, zugestimmt hätte. Da die Kommunisten glaubten, dass der Sieg des Sozialismus ein Naturgesetz sei, ist niemand auf den Gedanken gekommen, es einer eventuellen Reconquista des Klassenfeindes so schwer wie möglich zu machen.) Leider kommt die Erkenntnis von der Kolonialisierung am jüngsten Tag der Einheit 15 oder gar 20 Jahre zu spät. Damals fühlten sich die Ostdeutschen, sehr zum Missfallen der etablierten Parteien, die mehr Dankbarkeit angesichts der Milliarden von Deutschmark und Euros, die ins Land gepumpt wurden, erwartet hatten, noch als Ossis. Und „Die Linke“ bzw. die PDS war die Partei, von der viele glaubten, sie würde ihre Interesse gut vertreten. Vielleicht hat der eine oder andere Journalisten, der in den letzten Tagen kritisch über die Einheit berichtet hat, beim Schreiben wehmütig an diese Zeiten bzw. die verpasste Chance, reinen Tisch zu machen, gedacht. Denn aus den Ossis sind dank der AfD nun Deutsche geworden. (Marx würde dies als Metamorphose zum Kleinbürger, der versucht, sich von Leuten und Gruppierungen, von denen er glaubt,, er müsse sich von ihnen abgrenzen, bezeichnen,) Seine materielle Situation hat sich zwar nicht sonderlich gebessert, dank der AfD fühlt er sich aber besser als früher – zwar immer noch Bürger zweiter Klasse, jedoch als echter Deutsche hat er nun einen Anspruch auf eine besseres Leben. Dieser Tag der Einheit war also etwas Besonderes – nie war in den Medien die Erkenntnis, dass vieles im Vereinigungsprozess falsch lief, größer. Den Ossi hätte das noch interessiert. Dem Deutschen à la AfD ist, da er sich im Kreis aufgenommen sieht, das ziemlich egal.

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