Nur Multitasking hilft

Ich weiß nicht, wie lange es bei Ihnen gedauert, bis Sie sich an einer Formulierung der Kanzlerin, die gar nicht Ihren Vorstellungen entspricht, gestoßen haben. Da deren Interview bei Will gestern in aller Munde war, habe ich mir die Mühe gemacht, mir es nebenbei im Netz anzuhören. (Nicht nur Frauen beherrschen das Multitasking. Ich könnte mir aber denken, dass sie während der Sendung noch ein paar mehr Dinge getan haben – bspw. erledigten sie, so wie es Merkel im Bundestag zu tun pflegt, ihre SMS-Post. Und natürlich ist die beste Zeit, um mit der Freundin zu telefonieren. Je mehr ich darüber nachdenke, desto stärker habe ich das Gefühl, Multitasking a la femme könnte abwechslungsreicher sein.) Dank des Multitaskings hat es bei mir geschlagene 37:48 Minuten gedauert, bis ich vom Browsen und Lesen ließ, um mir den Satz, wir hätten die Aufgabe, aus schwierigen Entwicklungen etwas Vernünftiges zu machen, noch einmal anzuhören. Obwohl diese Aussage zwingend hätte nachgefragt werden müssen, hat Will nichts dergleichen getan, so dass ich es nun an ihrer Stelle tun muss, was ich ein wenig bedaure, da ich nicht alle 6 Millionen Zuschauer, die am Sonntag die Talkshow sahen, erreichen kann. Wählen wir nicht Politiker, die schwierigen Entwicklungen gar nicht erst zulassen? Hätte Will an dieser Stelle nachgehakt, hätte sie womöglich Merkel das Geständnis entlocken können, dass die Politiker den Flüchtlingsstrom nicht nur zugelassen, sondern mit ihrer Entscheidung, die Hilfen für die Insassen der Lager im Nahen Osten drastisch zu kürzen, zum Teil auch ausgelöst haben. Wenigstens diese Selbstkritik hätte Will ihr entlocken können. Da Merkel nicht zum letzten Mal bei der Moderatorin war, kann ich nur empfehlen, sich bei ihrem nächsten Auftritt etwas vorzunehmen. Wie wäre es mit einem Buch? Oder einer Partie Mensch ärgere Dich nicht. (Fliegt man aus dem Studio, wenn man als Zuschauer während der Diskussion Zeitung liest oder auf dem Tablet spielt?)

Wenigstens hat die Oscar-Jury keine Wahl getroffen, über die ich mich hätte ärgern müssen. Besonders freut mich, dass Mark Rylance, mein Geheimtipp, ausgezeichnet wurde. Dessen Vorstellung als KGB-Mann ist einfach grandios – Wladimir Putin kann sehr stolz sein. Wo wäre Russland heute, hätten sich dessen Vorgesetzten entschlossen, ihn zu beauftragen, in Big Apple ein Spionagenetz aufzubauen. Stattdessen hat man ihn nach Dresden geschickt, wo es nicht zu tun gegeben hat. Der Mann war quasi arbeitslos bzw. hat an einem Beschäftigungsprogramm des KGBs teilgenommen, er wurde sozusagen in der DDR geparkt. Trotz Startbedingungen, die schlechter nicht sein können, hat er es zum Präsidenten Russlands geschafft. Wenn ich die Chance hätte, ihn zu interviewen, würde ich ihn zuerst fragen, ob er sich angesichts des coolen Jobs, den Abel hatte, darüber ärgere, dass er seinen Dienst in der Spionage-Pampa habe verrichten müssen. Ein Film fehlt mir aber noch – „Spotlight“, mit dem niemand gerechnet hat, selbst in Halle nicht, wo der Film zu einer Uhrzeit, die kein Mensch schafft, gestartet ist. Wegen des unmöglichen Termins kann man der evangelistisch angehauchten Stadt wenigstens nicht verwerfen, sie würde sich am Elend der katholischen Kirche weiden.

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