Nawalny – doch nicht so, wie man glaubt?

Als ich das Video mit Nawalny sah, musste ich an meinen Vater denken, der in tiefsten DDR-Zeiten wegen zu niedrigen Blutdrucks, so vermute ich, von der Betriebsschwester Gertrud behandelt wurde – die hat sich, da sie sich noch mit jemanden unterhielt, beim Zählen der Tropfen derart vertan, dass er, wenn auch nicht so lautstark wie Russlands Oppositionsführer, über Schmerzen klagte (damals habe ich von meiner Oma, die das nicht sehr ernst nahm, anstecken lassen). Nach ein oder zwei Stunden war alles ausgestanden. Nawalny hat weniger Glück. Aber immerhin ist es nicht so schwer, dass er in Omsk, einer Stadt, die man aufgrund der jüngsten Berichte alleine schon wegen der Gefahr, im Falle einer Erkrankung in eines der dortigen Krankenhäuser eingeliefert zu werden, meiden sollte, bleiben muss – am Wochenende wird er in der Charité sein. Leider werden wir wegen Corona auf die berühmten Pressekonferenzen, wie wir sie von Timoschenko kennen, verzichten müssen (der publikumswirksamste Bandscheibenvorfall in der Geschichte der Menschheit). Ist Nawalny vergiftet worden? Schwer zu sagen. Nur eines ist sicher – das Gift war nicht im Tee. Da hätte die Person, die ihn bediente, schon ein Schläfer, die über eine Spezialausbildung im Gift-Reichen verfügt, sein müssen. Die FR ist der gleichen Meinung. Es darf also wild darauflos spekuliert werden. Und das macht der Blog doch am liebsten. War es eine Aktion, um Putin eines auszuwischen? Während die meisten meinen, dies habe man getan, um Oppositionelle mundtot zu machen, glaubt der Blog, dass dem Kreml nicht gelegen sein kann, zu planen, sich selbst lächerlich zu machen. Das schadet dem Ruf des Landes. Es fehlt nicht mehr viel, und man hat das Niveau der Saudis, deren Kronprinz einen Kritiker (Khashoggi) kurzerhand lebendig in Portionen teilen ließ, erreicht. Den Leuten, die so etwas planen, müssen um die Schwäche Putins, den Eindruck vermitteln zu wollen, er habe das Land voll im Griff, wissen – für ihn ist es besser, als skrupelloser und rücksichtsloser Mann betrachtet zu werden. Ein Eingeständnis, dass einiger seiner Leute Amok liefen, wäre ein Zeichen der Schwäche. Das würde seine Autorität in Frage stellen. Glasnost mit Gorbatschow, der übrigens dem Komitee, das den Flug Nawalnys finanziert, vorsteht, haben nur Chaos gebracht. Insofern helfen die hiesigen Medien – Tenor, Ziel des Kreml sei es, Oppositionelle einzuschüchtern – Putin nur, dessen Macht zu erhalten. Es gibt genug Gründe, mit dem Kreml unzufrieden zu sein. Moskau ist die Stadt, die Abgetragenes großzügig der Provinz überlässt. Während das fünfte Kind anstandslos die Sachen des ersten trägt, rumort es unter den Provinzfürsten, die es satt haben, bspw. alte Straßenbahnen aus der Hauptstadt aufmotzen zu müssen, da das Geld für neue nicht reicht. Es liegt in Putins Hand, den Eindruck zu verwischen, man habe dem Boss zu verstehen gegeben, dass man unzufrieden mit ihm sei.

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