Kino als Charakterprobe „Sicario“

Auf die letzte Szene kommt es eben an – sanft, aber entschieden bin ich darauf gestoßen worden, am Ende des Film für zwei Protagonisten, die, was richtig hinterhältig ist, beim Zuschauer trotz ihres Verhaltens gut ankommen sollen, keine Sympathien mehr zu hegen. Die Probe, die Villeneuve, der „Sicario“ inszeniert hat, dem Zuschauer stellt, ja zumutet, habe ich also nicht bestanden. Vermutlich wird es anderen auch so ergehen. Aber keine Panik – wenn Sie den Saal verlassen, ist Ihr Wertesystem wieder völlig intakt. Ein Fan Windows würde sagen, das System habe aufgrund des Chaos‘, das sich in diesem abspielt, in höchster Not alleine den nächsten Wiederherstellungszeitpunkt, der 2 Stunden zurückliegt, erstellt (meines Wissens macht das das Programm nie). Das wäre zwar schön, jedoch würde das bedeuten, dass man sich an den Film nicht mehr erinnern könnte, was diesem wahrlich nicht gerecht werden würde. Ich glaube eher, Villeneuve muss wegen des Endes mit Sigmar Freud in Verbindung gestanden haben (was natürlich nicht möglich ist, aber vielleicht gibt es doch Ausnahmen) – der hat seine Patienten mit einem Fingerschnippen aus der Hypnose, die bei vielen so schrecklich war, dass sie nach dem Aufwachen dachten, sie würden nun zum Tode verurteilt werden, geholt. Im Gegensatz zu den armen Geschöpfen, die auf der Couch wach werden, muss der Kinobesucher nicht fürchten, schweißgebadet zu enden (es ist besonders unangenehm, in einem Sessel, der mit Stoff bezogen ist, kleben zu bleiben.) Nicht einmal einen erhobenen Zeigefinger, der hier ja so populär ist, bekommt er zu Gesicht.

Emily Blunt spielt eine FBI-Agentin, die alles sehr genau nimmt. Gesetze sind für sie heilig. Regeln und Dienstvorschriften müssen penibel eingehalten werden. Dass sie trotz dieser Schwächen nicht unsympathisch ist, verdankt sie ihrem Mut. Ausgerechnet sie, die Idealistin, gerät an einen Abenteurer sowie einen Zeloten (wer sich die Spannung erhalten möchte, sollte nicht bei Wiki nachschlagen). Das Duo infernale macht in Mafia-Manier Jagd auf die Drogenbosse – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die beiden haben absolute Narrenfreiheit. Alle Mittel stehen ihnen zur Verfügung. Sie brauchen niemanden Rechenschaft zu geben. Dank der Kriege im Nahen Osten steht ihnen ein riesiges Reservoir an bestens ausgebildeten Kriegern, die sich unbürokratisch anheuern lassen, zur Verfügung (wer braucht da noch einen Richter?). Neben viel Ballerei gibt es noch lange Landschaftsszenen, bei denen ich mich gefragt habe, warum so viele Menschen in dieser Einöde leben. Da in einem Film über Drogenschmuggel an der Grenze zu Mexiko der Zaun, mit dem sich die Amerikaner vor Einwanderern schützen, nicht fehlen darf, kommen auch die Freunde der Mauer auf ihre Kosten. (Die beiden Erichs werden, ob im Himmel oder der Hölle, froh sein, dass ihnen die Frage, warum die DDR Wachtürme braucht, während die Amerikaner ohne auskommen, erspart geblieben ist.) Aus der Perspektive einer Drohne sieht alles sehr gepflegt aus.

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1 Antwort zu Kino als Charakterprobe „Sicario“

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