Es ist vorbei, bye, bye… (arme Briten)

Glücklich die Orte, die vor London die Ehre hatten, Olympische Sommerspiele bzw. Eröffnungs- und Abschlussveranstaltungen ausrichten zu dürfen. Und da die Briten nicht davor zurückschreckten, Songs aus einer Zeit, in der niemand so recht glaubte, dass die Musiker Ihrer Majestät für immer – für jemanden, der jung ist, sind 50 Jahre eine Ewigkeit – die Welt (mit)beherrschen (Rule, Britannia!) würden, können jene Städte, die seit Seoul die Wettkämpfe zu Gast hatten, froh sein, dass sich ihre Feiern nicht mit jenen, die in London geboten wurden, messen mussten. Die ARD hat geahnt, was auf sie zukommt – bereits nächsten Sonntag startet Jauch um all jene, für die der gestrige Abend ein Graus war, zurückzugewinnen (Zielgruppe: alle, die es klassisch mögen). Vielen von denen haben geschaut, um später mitreden zu können (Bildungsbürger-Syndrom). Diese Spezies verdient, dass man sie für die Entbehrungen, die sie auf sich genommen hat, entschädigt. Aber was ist mit den Musikatenstadl-Fans, die durchhielten? Deren Geschmack wurde gestern überhaupt nicht bedient, was für sie ein großer Schock gewesen sein muss, werden sie doch hier regelrecht hofiert. Die Vorstellung, auf der Insel leben zu müssen, dürfte bei vielen von ihnen Alpträume auslösen. An sie hat die ARD überhaupt nicht gedacht (am Sonnabend kommt Kai Pflaume). Keine Frage, natürlich ist es diskriminierend, anzunehmen, dass Liebhaber der Volksmusik generell nicht schauen würden. Sie sind fürs erste völlig auf sich allein gestellt. Hilfe ist aber schon in Aussicht – Mitte September gibt es den nächsten Musikantenstadl. Die Musikauswahl offenbart, für wen die beiden Feiern gemacht werden – natürlich für die Zuschauer an den Fernsehern. Ein Land, dass Milliarden, gleich welcher Währung, ausgibt, versucht, sich bestmöglich zu präsentieren. Auf den Geschmack der Athleten kann es wirklich keine Rücksicht nehmen. Was hätte eigentlich Leipzig (bewarb sich für 2012) zum Abschluss geboten? Einen nackt wandernden Hermann Hesse (passend zum 50. Todestag), der eines seiner Gedichte vorträgt (damit könnten die vormals prüden Briten nicht aufwarten)? Beethoven (war der nicht Wiener?)? Sicherlich wären mehr Genres vertreten gewesen – Kraftwerk und Bach, Brecht und „Hoch auf dem gelben Wagen“ (schade, dass Walter Scheel schon so alt ist). Es ist per se nicht unbedingt schlecht, wenn für jeden etwas dabei ist. Schwierig ist nur, den richtigen Mix zu finden. Aber vorerst müssen wir uns keine Sorgen machen, denn die Spiele kommen nicht so schnell hierher. Indizien dafür finden sich zuhauf. Beispielsweise hat „Der Spiegel“, immerhin noch Deutschlands führendes Nachrichtenmagazin, es nicht für nötig gehalten, mit Olympia aufzumachen. Auch dessen Star-Reporter Osang vermochte nicht, sich für die Spiele zu begeistern – erst schrieb er ausführlichst über Hartings Probleme mit den Funktionären, dann waren die deutschen Dressurreiter an der Reihe, und obwohl schon 9 Tag herum waren, ging er auf den eigentlichen Wettkampf überhaupt nicht ein. Zwar erfuhr ich, dass die Reitanlage auf Stelzen stehen würde, um die „traditionsreiche Erde“ nicht zu beschädigen, jedoch habe ich nun das Problem, zu beurteilen, ob er dies ironisch oder ernst gemeint war. Ich vermute letzteres. Kein Wort über die Dekoration und das Design (herausragend) . Auch kein Wort über die Stimmung (toll). Da kann natürlich keine Begeisterung aufkommen. ARD und ZDF haben sich auch nicht viel einfallen lassen. Deren Studio war jedenfalls nicht sonderlich originell eingerichtet. Womöglich wäre die Stimmung in London viel schlechter ausgefallen, hätte die Eröffnungsveranstaltung die Briten nicht so entzückt. Die Presse war aus dem Häuschen. Boyles Choreographie versetzte die Briten wieder in die Zeit, als sie als Ausrichter erkoren wurden. 2005 war das Land begeistert. Es schien nur aufwärts zu gehen. Kaum einer konnte vorstellen, dass der Finanzsektor einmal zusammenbrechen würde. Das Wort „Austerity“ musste noch in den Dictionaries nachgeschlagen werden. Viele gaben das Geld bedenkenlos aus. Der Oscarpreisträger brachte nun das Kunststück fertig, mitten in der Rezession die sorglosen Tage zurückzubringen. Natürlich half auch der Super-Sonnabend bei Halbzeit der Spiele. Ehe ich es vergesse – Russel Brands Interpretation des Beatles-Songs „I Am The Walrus“ war für mich die beste Musiknummer.
Die Version von Oasis ist auch nicht schlecht. Warum hat er eigentlich Katy Perry geheiratet, wenn englische Frauen sich viel stilvoller, jedoch nicht minder schrill, anziehen können?

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.