Der Weihnachtsmarkt – ein Ort der Spiritualität?

Es ist geschafft – ich bin unbeschädigt durch den Weihnachtstrubel gekommen, was nicht ganz selbstverständlich war, wie ich am Sonntag erfahren musste, als mir eine Frau, die zum Fahrer, der auf dem hiesigen Weihnachtsmarkt mit seinem Lieferwagen rückwärts fuhr, gehörte, lautstark und in aller Strenge bescheinigte, dass ich fast von ihm überfahren worden wäre. Natürlich war mein Leben nie in Gefahr. Mein Pech war nur, dass sie mich wegen meines Tempos als konsequenten Weihnachtsmarktverweigerer ausgemacht hat. Nichts ist sowohl Betreibern als auch Besuchern suspekter als eine Person, die in höchstmöglicher Geschwindigkeit sich ihren Weg durch die Massen bahnt. Das ist praktisch Blasphemie. Wer das macht, nimmt ein wahres Martyrium auf sich – schon nach wenigen Metern wird ihm klar, hier Persona non grata zu sein. Ein Störenfried hoch drei. Ein Aussätziger. Zum Glück hat mich die Frau am Rande des Marktes, der eiligen Leuten wie mir vorbehalten ist, gestellt, so dass mir oben aufgeführte Wahrnehmungen erspart geblieben sind. Der Weihnachtsmarkt als großer Entschleuniger? Mein Eindruck ist, die meisten, die auf den Markt gehen, scheinen wegen ihres gelassenen Auftretens bereits entschleunigt zu sein, was aber nicht heißt, dass man noch langsam und ruhiger werden kann. Früher mussten die Menschen dafür ins Kloster gehen oder sich auf den Weg nach Santiago de Compostela machen. Heute macht das nur noch Sinn, wenn man mit sich selbst ins Reine kommen will. Ein Weihnachtsmarkt gibt das spirituell nicht her – hier kann man seinen Gleichmut auf ein höheres Level heben und gegebenenfalls Frieden mit den Menschen machen, was ja immerhin auch schon etwas ist. Vielleicht ist es deshalb kein schlechter Vorsatz, im nächsten Jahr sich der Prüfung eines Besuches des Weihnachtsmarkts unterziehen zu wollen. Natürlich werde ich mir einen Tag, der besonders anspruchsvoll und fordernd ist, heraussuchen – es muss schneien, es sollten 5 Grad unter Null und es muss richtig voll sein. Das wird eine ganz besondere Herausforderung. Ganz anders als beim letzten Mal, als ich, so glaube ich mich zu erinnern, beim Werfen mit Ringen eine Dose Ananas gewonnen habe. (Wer das nicht kennt – ein dünner Holzring mit einem Durchmesser von vielleicht 20 cm wird auf ein Ziel, das auf einem Holzklotz steht, geworfen. Ganz teure Sachen stehen natürlich auf drei oder vier Klötzen. Landet der Ring im vollen Umfang ganz unten, hat man gewonnen.) Solche Stände gibt es heute natürlich nicht mehr, da sie schlichtweg zu groß sind und sich mit ihnen kein Geld verdienen lässt.
Frohes Fest.

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