Bizarr und realitätsnah („Zwei Tage, eine Nacht“)

Доверяй, но проверяй – Dowerjai, no prowerjai! Verwirrt? Keine Panik, schlimmer als mir kann es Ihnen nicht ergehen, denn trotz ausgiebigsten Russischunterrichts – lange 7 Jahre – bin ich mir heute nicht sicher, ob ich während dieser Zeit bzw. an derem Ende in der Lage gewesen bin, den Ausdruck sinngemäß zu übersetzen. Es ist, als ob ich Russisch nie gehabt hätte. „Vertraue, aber prüfe nach“ (natürlich von Lenin, dessen i Don Camillo lang auszusprechen pflegt, was mich immer wieder aufs Neue erheitert, wenn ich daran denke) heißt es im deutschen. Mein Vertrauen war, als ich mich auf den Weg ins Kino machte, in Peter Bradshaws Fähigkeit, fünf vorgegebene Sterne angemessen mit roter Farbe auszumalen, angesichts der Kritiken, mit denen „Zwei Tage, eine Nacht“ in den hiesigen Medien bedacht wurde (Spiegelonline hat es sogar geschafft, den Film zu ignorieren), arg gesunken – so tief, dass es überhaupt keinen Sinn zu machen schien, zu prüfen, ob Peter, der gleich alle fünf hat füllen lassen, recht hat. Heute kann ich sagen, dass er mit seiner Einschätzung völlig richtig liegt, nichtsdestoweniger ich einräumen muss, dass es mir in den ersten zwanzig Minuten wie Sandra, glänzend von Marion Cotillard verkörpert, die zeigt, dass sie auch Rollen, in denen Simone Signoret brilliert hat, übernehmen kann, ergangen ist. Nur widerwillig und unter größten Anstrengungen ihres Mannes und ihrer Freundin, die beide all ihre Überzeugungskraft in die Waagschale werfen, lässt sie sich darauf ein, am Wochenende ihre Kollegen mit der für sie von vorneherein aussichtslos erscheinenden Bitte, wegen ihr auf 1000,00 € zu verzichten, zu nerven. Als Zuschauer habe ich den Plan, ihre Mitstreiter umzustimmen, gar nicht abwegig gefunden. Jedoch ist es mir ziemlich schwergefallen, den (wirklichkeitsfremden?) Grund, warum Sandra sich auf diese Ochsentour begeben muss, zu begreifen – da sie länger krank gewesen ist, lässt deren Chef die Arbeiter darüber abstimmen, ob sie weiter Sandra ersetzen wollen, was ihnen bei einer 3 Stunden Mehrarbeit in der Woche besagte 1000,00 € als Prämie einbringt, oder sie zurückkommen kann, wobei sie dann auf das Geld für sie verzichten müssten. Haben die Dardenne Brüder, die beide für die Regie verantwortlich sind, sich das ausgedacht oder ist das wirklich schon einmal vorgekommen? Mir ist jedenfalls kein Fall bekannt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Gesetzgeber das erlaubt. Dieses Szenario habe ich als sehr verstörend empfunden. Sandra steht, nachdem ihr der Chef erlaubt hat, noch einmal abzustimmen, nun vor der unlösbaren Aufgaben, 9 von 16 Leute davon zu überzeugen, auf ihr Geld zu verzichten. Für jemanden, der gerade eine Depression überwunden hat, ein schier unmögliches Unterfangen. Die geniale Idee der Dardennes ist es, den Zuschauer mit auf die Tour zu schicken. Er darf mit ihr leiden und kann an ihren Erfolgen und Niederlagen teilhaben. Ihnen geht es nicht darum, zu werten. Oder gar den Zeigefinger zu erheben. Vielmehr ist ihnen wichtig, aufzuzeigen, wie sich die Protagonisten verhalten. Was sind deren Motive? Welchen Zwängen unterliegen sie?

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.