Assanges perfekter Auftritt

Seit gestern weiß ich, warum Assange unbedingt nach Ecuador will – es ist des Botschaftsgebäudes wegen, denn dessen Ambiente ist wie gemacht für jemanden, der, da er für viele ein Gesetzloser ist, unbedingt darauf achten muss, einen Ort zu wählen, der ihm nicht nur die Möglichkeit eröffnet, sein Anliegen zu verkünden, sondern der auch noch eine gewisse Gediegenheit ausstrahlt, was ihm ermöglicht, noch seriöser als sonst zu wirken. Einen besseren Platz hätte er nicht finden können – ein Haus, das eigentlich der städtischen Upper Class vorbehalten ist, bietet für jeden, hinter dem die Polizei her ist, die perfekte Kulisse, der Welt zu erklären, wofür er kämpfe.

Und dann schaffte er es noch, die Gegebenheiten optimal zu nutzen. Statt sich auf einen der Eckbalkone in der 1. oder 2. Etage zu stellen, wählte er jenen, der direkt darunter im Erdgeschoss liegt. Manch anderer hätte, um gesehen zu werden und/oder aus Angst, die Polizei könne ihn herunterzerren, höhere Gefilden gewählt. In der Fernaufnahme (geschätzte 100 Meter weit weg), Teil des Berichts über seinen Auftritt in der Tagesschau gestern, war Assange klar und deutlich deutlich zu sehen. Ein Schelm, wer denkt, dass bei der Wahl des Landes das Aussehen der jeweiligen Botschaft eine Rolle gespielt haben könnte. Er ist ja nicht so, dass er, wenn er einmal in Ecuador ist, dieses nicht mehr verlassen könne. Unabhängig davon, ob ein schwedisches Gericht ihn freispricht oder für schuldig erklärt, würde ihm ein ecuadorianischer Pass erlauben, in der Welt herumzureisen. Nur die USA wären vermutlich tabu für ihn.

Dann hat er es auch noch noch geschafft, sich selbst fernsehgerecht zu präsentieren – kurzes Haar, weißes Hemd, Schlips. Nie war Assange telegener. Er hat seinen Auftritt perfekt inszeniert. Nichtsdestoweniger habe ich den Eindruck, dass ohne die Hilfe der Londoner Polizei sein Auftritt leicht zum Fiasko hätte werden können. Die haben, in dem sie den Gehweg vor dem Balkon absperrten, ihm erst ermöglicht, eine Erklärung abzugeben. Nicht auszudenken, wenn Reporter und Anhänger direkt neben bzw. halb unter ihm gestanden hätten. Alles wäre vermutlich viel chaotischer abgelaufen. So hatte sein Auftreten etwas Operettenhaftes. Wäre der Australier in Galauniform samt diverser Orden aufgetreten, hätten viele geglaubt, es müsse sich um den enterbten Thronfolger Ruritaniens handeln (die Verfilmung des Romans mit Granger, Kerr und Mason ist grandios).

Angesichts des Verhaltens der Polizei dürften Superreiche, dies sich in ihrem Heimatland nicht mehr so recht wohl fühlen, nun erst recht mit dem Gedanken spielen, sich in London niederzulassen bzw. dort eine Immobilie zu erwerben. Besser und billiger kann man nicht werben.

PS: Hoffentlich wird es nicht so schlimm wie bei Kim Jong-il.

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