κύριος V. wird sogar hier gemocht!

Die Deutschen und der Geschmack, eine endlose Geschichte der Irrtümer, zu denen heute ausgerechnet eine „Kulturzeit“- Moderatorin, die, da sie in London lebt, wo Individualität noch gekonnt ausgelebt wird, es eigentlich besser wissen müsste, beigetragen hat, indem sie Varoufakis nicht nur Angstlosigkeit und Aufmüpfigkeit beschied (früher galten sie als mutig), sondern ihn gar zur Stilikone erklärt hat, die es mit Brecht, dessen Lederjacke viele Kratzspuren aufwies, die angeblich alle mit Absicht fabriziert wurden (das war der letzte Dienst, den eine seiner verflossenen Geliebten, von denen es eine ganze Reihe gegeben haben soll, leisten musste), aufnehmen könne. (Wer nicht weiß, wie dessen Jacke ausgesehen hat, wird hier nicht nur fündig, sondern kann sich, wenn sie nicht schon „vergriffen“ sind, sogar eine bestellen. Wer die trägt, zeigt Mut zur Tollpatschigkeit.) Es ist zu vermuten, dass Brecht darauf Wert gelegt hat, jungenhaft zu wirken. Die Jacke als Mittel, sich selbst ein wenig zu degradieren, es seinen Mitmenschen leichter zu machen, ihn anzusprechen. Hat er den Eindruck vermitteln wollen, dass sie ihn nicht zu scheuen bräuchten? Kokettierte er vielleicht mit seinem Erfolg? Was auch immer der Grund, enge Jacken zu tragen, gewesen sein mag – er konnte sich diese gewöhnungsbedürftige Kluft leisten. Anders ausgedrückt – die Jacke war eines Weltstars unwürdig, was seinem Ruf jedoch nicht geschadet hat. Ganz im Gegenteil, die alberne Jacke hat ihn sympathischer gemacht hat. Sie wurde sein Markenzeichen. Jeder Hollywoodstar seiner Generation hätte mit diesem Aufzug Probleme bekommen. Wäre vermutlich sogar ausgelacht worden.

Soweit ist Varoufakis noch lange nicht. Und die Kulturzeit-Redakteure wissen das. Schickes Freiberufler-Outfit, ohne persönlichen Flair bzw. persönlicher Geschmacksnote – mehr hat der griechische Finanzminister in Sachen Mode nicht zu bieten. Immerhin ist diese Einschätzung besser als jene, die Poschardt im Interview abgegeben hat. Der meint, der würde wie ein Autoverkäufer aussehen, was darauf schließen lässt, dass es trotz der Krise, in der sich die Zeitungen befinden, sich die Leuten in gehobeneren Stellen (er ist stellvertretender Chefredakteur der Welt-Gruppe) noch Fahrzeuge der oberen Mittelklasse, wenn nicht sogar noch mehr, leisten können. Wenn ich mir vergegenwärtige, zu welchen Leistungen ein Showmaster, dessen Sendung, wenn ich mich richtig erinnere, bei ZDF-Neo ausgestrahlt wird, in Zusammenhang mit Varoufakis fähig ist, frage ich mich, was so aufregend an ihm ist. (Er schafft es sogar, dass die Deutschen um einen Wesenszug, den ich beim besten Willen bis jetzt nicht bei ihnen ausmachen konnte, reicher geworden sind – sie haben es geschafft, sich über sich selbst lustig zu machen. Vielleicht zu spät, wie die Anzahl der Klicks, die angesichts der Brisanz des Liedes weitaus höher hätte ausfallen können, zeigt.) Wegen des blauen Hemdes, das er zu allen Anlässen zu tragen pflegte, hatte ich erst arge Befürchtungen, aus ihm könnte ein zweiter Genscher werden. Binnen weniger Wochen ist er zum Popstar geworden. Phänomenal! Dafür gibt es keine Erklärung.

Wenn ich schon beim Outfit bin, muss unbedingt erwähnt werden, dass die Bayern ihrer Bavaria zum Starkbieranstich auf dem Nockherberg ein neues Kleid spendiert haben. Eine sehr noble Geste, die längst überfällig war. Zweimal hat man sie im gleichen Kleid auf die Bühne geschickt. Mein Gott, was sind die Bayern geizig. Fast noch schlimmer als zu Valentins Zeiten. Da ich die Sendung am Mittwoch verpasst habe, bin ich diesmal auf Youtube angewiesen.

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