Es kann nur einen Packer geben („Cosmopolis“)

Sitzt in der Stretch-Limousine, deren Fahrt durch ein Big Apple, das außer Rand und Band geraten ist, Interessenten zur Zeit gerade mal in fünf oder sechs deutschen Kinos verfolgen können, Wall Streets abgebrühtester Banker? Einige Kritiker meinten, am Ende habe man das Gefühl, 109 Minuten kostbare Lebenszeit verschwendet zu haben. Diesem Urteil kann ich mich überhaupt nicht anschließen. Gewiss ist Eric Packer, den Robert Pattinson spielt, fürchterlich langweilig. Dazu ist er noch eitel sowie völlig auf sich fixiert. Und Temperament hat er auch keins. Vermutlich sind das auch die Charaktereigenschaften, die man benötigt, um ganz noch oben zu kommen.

Der Handlung wegen muss er unsympathisch sein, wobei ich unbedingt erwähnen muss, dass er nur in zwei Szenen fies ist. Eigentlich könnte er sich mit seinen 28 Jahren schon zur Ruhe setzen. Aber Packer kann einfach nicht mit dem Devisen-Gezocke aufhören. Er ist süchtig danach. Zudem glaubt er fest daran, dass seine Geschäft die Menschheit voranbringen. Klar, dass die Leute, die für ihn arbeiten, zu ihm kommen. Und da ganz Manhattan unglücklicherweise im Stau steht, herrscht in der riesigen Limousine ein Kommen und Gehen. Erstaunlicherweise bleiben sie auch alle noch recht lange. Dieser Plot wäre auf die Dauer natürlich langweilig, wenn sich die Menschen friedlich verhalten würden. Das tun sie aber nicht. Zudem trachtet jemand nach seinem Leben. Warum tut er sich die Fahrt überhaupt an?

Packer gibt vor, sich nach Jahren unbedingt vom Friseur, der ihn, wie sich später herausstellt, als Kind frisierte, die Haare schneiden lassen zu wollen. In Wirklichkeit fährt er aber nur, um Flagge zu zeigen. Der mutige Banker, den Nichts und Niemand einschüchtern kann. Und da alles so normal wie möglich sein soll, besucht ihn unterwegs ein Computerfreak, amüsiert er sich im Superschlitten mit seiner Kunstbeauftragten (sie hat wesentlich mehr Spaß als er), schaut sein Popbeauftragter, dessen Leibesumfang mit dem Gabriels, der diesen Job mal für die SPD machte, konkurrieren kann, herein, (sein Lieblingsmusiker, der stark Jackson ähnelt, verstarb), kommen diverse Firmenberater vorbei. Natürlich verzichtet er im Auto nicht auf den täglichen Arztcheck. Nur bei einer weiß ich nicht, wo ich sie einordnen soll. Ist sie Psychologin? Oder Philosophin? Ihre Aufgabe ist es, ihm einzureden, er mache alles richtig. Und dann trifft er sich noch mehrmals mit seiner frisch Angetrauten.

Packer weiß also, wofür er kämpft. Für den Fall, dass er angegriffen wird, hat er Sicherheitsleute angeheuert. Es wäre schade, würde die Welle des zivilen Ungehorsams ihn in die Apalachen spülen. Hat der Attentäter überhaupt eine Chance? Cronnenberg hält sich an Marx‘ These, dass das Kapital seine eigene Totengräber produziere (das Buch, auf dem der Film basiert, kenne ich nicht). Wie von Geisterhand wird Packer zum Ort, wo er sterben soll, kutschiert. Als er in das Auto einstieg, wusste er, dass dies dort, wo sein Chauffeur das protzige Auto nachts parkt, sein wird.

Ein absolut toller Film. Packers Abgeklärtheit wirkte nicht gekünstelt. Wer in einer Gegend, in der sich nachts niemand ohne Revolver raus traut, groß wurde, ist halt so. Zum Glück sind nicht alle Wall Street Banker in No-Go-Areas aufgewachsen.

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3 Kommentare zu Es kann nur einen Packer geben („Cosmopolis“)

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