Erdogan hat das Zeug zum Machiavellisten

Kretschmann ist Ordensritter (Orden wider den tierischen Ernst) und Erdogan ein Machiavellist – bei der Vielzahl jener Ritter, von denen die Öffentlichkeit erst nach der Preisverleihung wusste, dass sie über Humor verfügen, überrascht die Entscheidung, den Badener, der so langsam spricht, dass jeder, der diesen Landstrich bereisen muss, nur hoffen kann, er möge eine Ausnahme unter seinen Landsleuten sein, auszuzeichnen, nicht wirklich. Aber ist Erdogan wirklich ein Machiavelli? Ruch- und rücksichtslos muss er ja schon immer gewesen. Was ihm gefehlt hat, sind Raffinesse und Geschick – jedenfalls habe ich mir eingeredet, er sei ein plumper Anführer. Wegen seiner piepsigen Stimme und des Unsinns, den er besonders nach der Niederschlagung des Putsches in die Welt hinausposaunt hat, hat Erdogan es mir leicht gemacht, anzunehmen, er könne nur ein zweitklassiger Politiker sein. Seit dieser Woche bzw. der Meldungen, die aus der Region eingehen, bin ich eines Besseren belehrt worden – er ist cleverer, als alle denken. Der Mann, der der Welt seine Cleverness vorenthalten hat, führt in Syrien einen Krieg, der geschickter nicht gelenkt werden kann – Erdogan beherrscht nämlich die hohe Schule, andere für sich arbeiten zu lassen. Um seine eigene Armee zu schonen, muss ISIS, das wegen des Eingreifens der Türken bereits einige Erfolge erringen konnte, ran. Dessen Strategie ist es, möglichst viele Kurden zu binden, was den Islamisten ermöglicht, Gebiet, die man an die Kurden verloren hat, wieder zurückzuerobern (eine Weile wird es funktionieren). Wie das geht, haben die Deutschen im 2. Weltkrieg vorgemacht, nämlich mit der „Tirpitz“, die man in einem norwegischen Fjord mit dem Ziel versteckte, die Royal Navy zu zwingen, möglichst viele Kräfte zum Schutz der Geleitzüge, die Murmansk anliefen, aufzubieten. Vermutlich hat Erdogan einen ähnlichen Plan – sich solange wie möglich der Dienstes des Isis, der Aufgabe es ist, möglichst viele Kurden außer Gefecht zu setzen, zu bedienen. Lt. Robert Fisk seien die IS-Kämpfer dank diverser Routen über die Türkei bestens versorgt. Sonst hätten die Tomatendosen, die man in einem Supermarkt in West Bromwich gekauft hat, nicht bis nach Syrien geschafft. Vor der großen Auseinandersetzung, also dem massiven Einsatz seiner Soldaten, schreckt Erdogan noch zurück. Stattdessen lässt er die Islamisten für sich kämpfen. Still und leise, ohne dass jemand Wind davon bekommt. Einen ähnlichen Weg scheinen die Union und die SPD einzuschlagen – sie arbeiten schon jetzt daran, dass der Bürger bei den nächsten Wahlen in vier Jahren nicht weiß, von wem er regiert worden ist. Darum müssen die Koalitionsverhandlungen möglichst geräuschlos verlaufen (wenigstens ohne Termine auf dem Balkon). Der Wähler soll sich am Ende der nächsten GroKo nur noch an Merkel, die ja nicht mehr antreten wird, erinnern. Sie wird (für ihre Verhältnisse) ab Ostern, wenn die neue Regierung stehen soll, noch einmal richtig aufdrehen. M + M – das neuer Traumpaar der Europäer wird versuchen, den Kontinent nach seinen Vorstellungen zu verändern.

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